Mir sind erst die Tränen gekommen

Von Stefanie Dodel, Boos/Neu-Hirschstein Ein Bild zeigt eine festlich gedeckte Tafel, um die lachende Menschen sitzen. Hinter ihnen sind die nackten Ziegelwände eines Rohbaus zu sehen. Ein anderes Bild zeigt Ulrich und Lore Müller, wie sie zwischen den Bodenbalken eines Zimmers stehen und deren Zwischenräume freilegen. Rund zehn Meter über der Elbe im sächsischen Neu-Hirschstein. Normalerweise zehn Meter über der Elbe. Im August 2002, in den Tagen der 'Jahrhundert-Flut', war auch dieses Zimmer überschwemmt. Als das Ehepaar aus Boos damals in Zeitung und Fernsehen die verheerenden Bilder der Flut sah, zögerte es nicht lange und fuhr ins sächsische Neu-Hirschstein. Um der Familie zu helfen, bei der sie zuvor schon zwei Mal Urlaub gemacht hatten. Für ihren selbstlosen Einsatz im Flutgebiet wurden Ulrich und Lore Müller jetzt mit dem Sächsischen Fluthelfer-Orden ausgezeichnet (wir berichteten). Jetzt sitzt das Ehepaar in seinem Esszimmer und blättert ein kleines Fotoalbum durch. Viele Bilder sind es nicht, die an die Tage in Sachsen erinnern. Aber in ihren Köpfen ist die Erinnerung noch immer sehr präsent. Die Erinnerung an die unglaublichen Wassermassen, die überfluteten Häuser. Die Erinnerung an den schrecklichen Ölgestank, an Dreck und Schlamm. Im Wohnzimmer, in der Küche, im Garten. Aber auch die Erinnerung an die Nachbarschaftshilfe und die Dankbarkeit der Menschen. 'Die Flut hat alle zusammengeschweißt', sagt der 66-jährige Schreiner, während er langsam die Seiten des Fotoalbums umblättert. Die Nachbarschaftshilfe sei enorm gewesen. 'Wenn man den ganzen Tag im Dreck gestanden hat, stinkt und richtig schmutzig ist', hätten die Nachbarn, deren Häuser weniger betroffen waren, ohne zu zögern ihr Bad und eine heiße Dusche angeboten.

Nicht so schlimm vorgestellt Als sie in Sachsen angekommen seien, seien ihr 'erstmal die Tränen gekommen', erinnert sich Lore Müller. 'So schlimm hätte ich mir die Überschwemmungen nicht vorgestellt.' Sie sei bei dem Anblick richtig froh gewesen, im Unterallgäu zu wohnen. Die Elbe-Flut hatte auch den Öltank des Hauses aus seiner Verankerung gerissen und überall einen Ölteppich hinterlassen. Deshalb mussten sämtliche Böden im Haus entfernt, der Putz von den Wänden geschlagen, neue Türen gesetzt, und die oberste Erdschicht im Garten abgetragen werden. 'Das Erdgeschoss war danach praktisch ein Rohbau', sagt Ulrich Müller und deutet auf das Bild, auf dem die Feier in den nackten Wänden zu sehen ist. Noch zwei Mal für jeweils rund eine Woche waren die beiden nach den ersten Aufräum-Arbeiten bei 'ihrer' Familie in Neu-Hirschstein. In diesem Jahr werden sie die Bekannten, die durch die Flut längst zu Freunden geworden sind, wieder besuchen - um dort wie früher Urlaub zu machen. Mit einer Auszeichnung für ihre Hilfe hatte das Ehepaar nicht gerechnet. 'Wir wollten dafür doch nichts. Das haben wir alles ihnen zuliebe gemacht', sagt Ulrich Müller. Noch einmal nimmt er ein Foto zur Hand. 'Der Ölgestank war wirklich kaum auszuhalten', sagt er dann und schüttelt nachdenklich den Kopf.

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