Mehr Hamlet statt Hamann

Sehr geehrter Herr Völler, zunächst einmal möchte ich mich für meine Kollegen entschuldigen, die Sie in den vergangenen, hier abgedruckten Bemerkungen zur Fußball-EM so dreist geduzt haben. Mein Rat an Sie, wenn Sie mir freundlicherweise einen solchen gestatten wollen (auch danach hat bisher ja noch niemand gefragt) hat übrigens unmittelbar damit zu tun: Meiner bescheidenen Meinung nach umgeben Sie sich zu viel mit Fußballfans. Es ist vielleicht für einen Nationaltrainer - pardon, ich bekomme gerade von einem selbst ernannten Fußball-Fachmann ins rechte Ohr gebrüllt, dass die korrekte Bezeichnung Teamchef lautet und in ihrem Fall sogar Ex-Teamchef - es ist also vielleicht für jemanden wie Sie schwierig, das zu vermeiden. Aber dann müssen Sie sich eben zwingen! Denn ich meine beobachtet zu haben, dass die Fußballfans nicht immer mit einer emotional-gelassenen Distanz zu ihrem Lieblingssport glänzen.

Aber vielleicht täusche ich mich auch, der ich das ganze Geschehen doch eher als Außenstehender verfolge (ich bin Kultur-Redakteur, Sie verstehen). Fans scheinen zu meinen, dass sie, wenn sie einmal bei einer TV-Übertragung sechs Halbe Bier in sich reingekübelt und dabei dem Schiedsrichter Tiernamen gegeben haben, quasi mit der gesamten Nationalmannschaft eine Art Blutsbrüderschaft eingegangen sind, weswegen ihnen, mindestens bei der Mannschaftsaufstellung, ein Veto-Recht zusteht. Gerne diene ich mich Ihnen daher als fußballferner Gesprächspartner an. Kommen Sie doch einfach einmal vorbei, dann können wir bei einem Tee etwa über Hamlet reden, diese literarische Schwalbe sozusagen, der durch Antäuschen das Foul, genauer gesagt: den Mord an seinem Vater geklärt hat. Oder über Götz von Berlichingen, quasi den Urvater der Fußball-Fansprache, der auch irgendwie über den Kampf zum Spiel fand. Also: Melden Sie sich, Sie haben ja jetzt etwas mehr Zeit. Herzlichst, Ihr Volker Klüpfel

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