Stolpersteine
Mathilde Kohn aus Kempten folgte mit 84 ihren Kindern ins KZ

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Die Initiative Stolpersteine für Kempten und Umgebung verlegte 21 Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute stellen wir das Schicksal von Mathilde Kohn vor. Noch heute erinnern sich viele ältere Mitbürger an das Strumpfhäuschen zwischen Klostersteige und Gerberstraße. Mit Mathilde Kohn stand einst eine bekannte Kauffrau an der Theke und verstand es, mit ihrer Kundschaft umzugehen. Qualität und Service waren für sie und ihren Mann Leopold auch die Basis für ihre beiden Schuhgeschäfte im «Bachschmidhaus».

Das Schicksal von Mathilde Kohn zählt aber auch zu den dunkelsten Kapiteln der neueren Kemptener Geschichte. Die Frau aus Regensburg heiratete 1879 in Memmingen den Kaufmann Leopold Kohn. 1880 und 1885 kamen die Kinder Julius und Hedwig zur Welt. 1889 fand die Familie in Kempten einen neuen Lebensmittelpunkt und mit der Geburt ihres Sohnes Bruno rundete sich 1893 das Familienglück.

In der aufstrebenden Mittelstadt wurden die Geschäfte liebevoll «beim Jud Kohn» genannt. Jahrzehntelang gehörte die Familie zum Zentrum der Kemptener Geschäftswelt und war als Wohltäter bekannt. Doch das schützte sie nicht vor den Repressalien des NS-Regimes. Am 1. April 1933, einem Samstagvormittag, zogen um 10 Uhr Braunhemden vor den Geschäften auf.

Erst waren die jüdischen Kaufleute Geschäftspartner und Nachbarn - jetzt Zielscheibe menschenverachtender Parolen. «Dem Juden keinen Pfennig» stand vor dem Strumpfhäuschen und Kreisleiter Anton Brändle kündigte bei der Kundgebung vor der Tierzuchthalle an: «Der Judenboykott, der in aller Ritterlichkeit durchgeführt wurde, hat dem Juden einen kleinen Vorgeschmack gegeben, wie sich Deutschland des ihm aufgezwungenen Kampfes wehren werde.»

Familie Kohn bekam die ganze Härte zu spüren. Nach der Reichspogromnacht musste sie ihre Geschäfte unter Wert an die Konkurrenz verkaufen. Trotz des hohen Ansehens musste Mathilde Kohn mit ihren beiden Kindern Julius und Hedwig die Wohnung an der Klostersteige räumen und in die Sandstraße 15 umziehen.

Ende März wurden Julius und Hedwig ins KZ geschickt. Am 6.August 1942 kündigte die Gestapo telefonisch die Deportation der jüdischen Senioren aus Kempten an. Mathilde Kohn war inzwischen 84 Jahre alt und sollte auch «umgesiedelt» werden. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt wehrt sich mit aller Kraft, reist nach Augsburg, doch seine Argumente verhallen ungehört. Am 10. August muss auch Mathilde Kohn den Zug nach Theresienstadt besteigen.

Bernsteinkette geraubt

An ihrer Seite steht ihr Sohn Bruno, der sie bis nach Augsburg begleitet. Dort brennt sich ein Bild in sein Gedächtnis ein: Uniformierte reißen seiner Mutter gierig eine Bernsteinkette vom Hals. Es ist ein Abschied für immer. Mathilde Kohn stirbt bereits am 18. September im Vernichtungslager.

Ihr Besitz wird vom Finanzamt beschlagnahmt und weit unter Wert vermutlich an Parteibonzen versteigert. Ihr Sohn Bruno, der seine KZ-Haft überlebt, muss sich 1945 mit dem Oberfinanzpräsidenten herumschlagen. Doch der baut bürokratische Hürden auf, verlangt beispielsweise einen Erbschein der toten Mutter. «Ich glaube, es wäre Sache der Behörde, durch die ich seiner Zeit geschädigt worden bin, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um zu einer Wiedergutmachung von sich aus beizutragen», schreibt ein entnervter Bruno Kohn. Doch bis zu einer Einigung vergehen weitere acht Jahre.

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