Kempten
Mann liebt Ziege

Da geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Eine kleine, zierliche Frau wuchtet eine tote und blutverschmierte Ziege auf die Bühne. Sie hat das Tier gerade getötet. Wie eine Furie, eine moderne Medea hat sie sich für die Untreue des geliebten Mannes gerächt. Mit wirrem Haar und irrem Blick setzt sie sich in einen weißen Sessel. Die blutigen Finger klopfen auf die Lehne des Sessels. Das ist die einzige Bewegung auf der Bühne. Ansonsten Schockstarre.

Mit der Wucht einer griechischen Tragödie endet die Christian-Stückl-Inszenierung des Münchner Volkstheaters von Edward Albees Stück «Die Ziege oder Wer ist Sylvia?», die nach dem Start in Kempten (mit zwei Aufführungen) auf Tournee geht und in über zwanzig Städten zu sehen sein wird.

Dabei beginnt der Abend wie ein Boulevardtheater. Martin Gray (August Zirner), wohlsituierter Stararchitekt, soll zu seinem 50. Geburtstag ein Interview geben. Mit dem Fernsehjournalisten Ross (Alexander Duda), seinem Freund, palavert er leicht neurotisch über Alzheimer und andere sich einschleichende Unannehmlichkeiten in der Mitte des Lebens.

Martin ist ganz oben auf der Karriereleiter, aber die Bühne deutet an, wie tief einer fallen kann. Man meint den Rums noch zu hören, den das aus der Decke herausgefallene Stück gemacht hat, als es auf dem Boden aufschlug. Nun schauen die Dämmfasern und Holzbalken heraus. In der Decke gähnt ein Loch. Auf dem abgerissenen Teil spielt die Welt der Grays.

Sie ist aus den Fugen, weil Martin eine Ziege liebt, wie er Ross gesteht. Albee nennt sein Stück im Untertitel «Anmerkungen zu einer Definition des Tragischen». Tragisch ist, dass er diese Ziege, die er Sylvia nennt, liebt - und dabei glücklich ist. Das ist die Behauptung des Stückes und damit ist es auch der Inszenierung ernst.

Woody Allen lässt grüßen

Hier wird nichts verblödelt und doch sind die Situationen teilweise unvergleichlich komisch. Man kommt nicht umhin an Woody Allen zu denken, wenn man August Zirner mit schwarzer Brille, Cargohosen zu Jackett und dem College-Schlips zusieht. Nicht zuletzt ist «Die Ziege» ein zutiefst amerikanisches Stück mit absurd-witzigen, schrägen, subtilen Dialogen. «Sie ist die erste, meine einzige.» Das ist natürlich urkomisch, wenn so über eine Ziegen-Geliebte gesprochen wird. Doch mit welcher Zärtlichkeit und Weichheit in der Stimme Zirner über diese Ziegenliebe spricht, das ist großartig. Anrührend ehrlich und ernsthaft versucht er, seiner Frau diese Liebe zu erklären. Und Katalin Zsigmondy als moderne, krisenerprobte Ehefrau Stevie stellt sich diesem Geständnis auch: «Das diskutieren wir jetzt aus.»

Ehefrau zerstört Wohnung

Zsigmondy gibt eine elegante, feinsinnige, kluge Frau, die perfekt gestylt um Fassung und Form ringt und mit großer Würde zigfach das Wort «ficken» ausspeit, um nach und nach die ganze Wohnungseinrichtung zu demolieren. Sie rechnet mit allem Möglichen, aber das hat ihr Weltbild in den Grundfesten zerrüttet.

Selbst mit dem Schwulsein des Sohnes Billy (Martin Liema) konnte sie gut umgehen. Liema verkörpert ein pubertäres Baby, das sich in der cleanen, scheinbar perfekten Welt seiner Eltern nach Nähe sehnt. Vielleicht ist der Crash eine große Chance für ihn

In beiden Aufführungen spendeten die Zuschauer begeisterten Applaus für eine großartige Ensembleleistung und einen wunderbar verstörenden Theaterabend.

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