Memmingen
Magisches Wechselspiel

Punkt 20 Uhr. Stille. Das Gershwin-Quartett betritt die Bühne, intoniert das «Prelude For Concert» von Sergej Abir. Doch vom Maestro keine Spur. Erst kurzweilige fünf Minuten später, nachdem die beiden Violinen, die Viola und das Cello langsam ins Pianissimo gleiten - erst da ertönen aus dem hinteren Raum der Stadthalle jene markanten Klänge, die gar nicht von Streichinstrumenten erzeugt werden können. Und richtig: Sachte schleicht Feidman Richtung Bühne durchs Publikum. Majestätisch. Erhaben. Dabei seine Bassklarinette im Anschlag, die Leitmelodie der immer leiser werdenden Streicher immer lauter übernehmend. Welch ein Einstand - welch ein magisches Wechselspiel!

Dieses Wechselspiel, diese Inszenierung des Leisen, das Zelebrieren der Stille zwischen den Noten wird auch den weiteren Abend maßgeblich bestimmen. Allerdings: Feidman ist weit davon entfernt, dem wehleidigen Blues zu verfallen. Im Gegenteil: Oft durchdringt seine Klarinette gemächlich, aber immer intensiver werdend die Klangsphären seiner vier Begleiter - bis das Instrument förmlich zu explodieren droht und die Volksmusiktradition des aschkenasischen Judentums mit neuer Vitalität erfüllt.

Musikalischer Friedensappell

Dementsprechend darf es auch heiter und beschwingt zugehen.

«Hava Naghila» oder «Jewish Wedding» versprühen pure Lebenslust, obwohl das Oszillieren zwischen gediegener Stille und kontrollierter Vehemenz auch weiter den Verlauf des Konzertes bestimmt. Nur selten ergreift Giora Feidman, der 74-jährige Argentinier und Sohn bessarabischer Juden, das Wort. Zum Beispiel kurz vor der Pause: «Weder im Alten noch im Neuen Testament und schon gar nicht im Koran steht geschrieben, dass die Zugabe nicht schon zur Pause gespielt werden darf!» Sagts mit einem bübisch verschmitzten Grinsen - und setzt an zu einem bewegenden musikalischen Friedensappell, indem er die deutsche, israelische und palästinensische Nationalhymne zu einer «lecker, lecker Melodie macht». Denn: «Musik ist die beste Religion, eine alles übergreifende Sprache! Mit der Botschaft, wir gehören alle zur großen Menschenfamilie!»

Mit Humor gehts auch in die zweite Runde. «Wenn Sie denken», stellt Feidman klar, «das Gershwin-Streicher-Quartett hätte sich nach dem berühmten amerikanischen Komponisten benannt - dann liegen Sie völlig falsch. Das Ensemble wird nämlich geleitet von Violinist Michael Gershwin. Dies soll uns jedoch nicht daran hindern, jetzt einen Strauß bunter Melodien von George Gershwin zu binden.»

Bewegend dann das Finale: Wie schon zur Pause, übernimmt das Publikum mit A-cappella-Gesängen die Verabschiedung des Maestros und seiner Begleiter, die ebenso erhaben, wie sie vor gut zwei Stunden die Bühne betraten, selbige verlassen.

Zuvor hielt Feidman noch eine kurze Ansprache, dabei wohl wissend, «Sie haben mich jetzt gar nicht verstanden, aber das ist egal, spielt keine Rolle - Musik ist Musik.»

Wie wahr! Wie schön! Wie grandios zelebriert!

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