Halblech-Schober
Luxus ist, wenn nichts passiert

«Es ist gut, dass ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken, was war und was ist.» Birgit Romeder hat Angst, dass sie dann zusammenbrechen könnte. Im Frühjahr starb plötzlich ihr Mann Matthias, gerade 50 Jahre alt. Sie war schwanger mit der jüngsten Tochter und allein mit den sechs größeren Kindern, dem neuen Haus, dem Hof. Aufgeben war ihr erster Gedanke. Doch die Kinder wollten, dass es weitergeht.

Bekannt wurde das Schicksal von Birgit Romeder und ihrer Familie, als Bundespräsident Horst Köhler die Ehrenpatenschaft für Karolina übernahm (wir berichteten). Im Weiler Schober, in Trauchgau, in ganz Halblech war die Nachbarschaftshilfe schon lange angelaufen. Ob mit Kinderkleidung oder ein Spendenkonto, das der Elternbeirat des Kindergartens Buching eingerichtet hat. «Ohne diese Unterstützung wäre es sicher nicht gegangen», lächelt Birgit Romeder tapfer.

Mit einem Schlag ist die ganze Lebensplanung zu Ende

Sie heiratete mit 19 aus dem Nachbarweiler Fronreiten nach Schober, war glücklich mit Mann und Kindern. Sie hatten ihr Einkommen und ihr Auskommen. 2006 ersetzten sie das uralte Bauernhaus durch ein modernes Wohngebäude mit Zentralheizung und großen Räumen.

Drei Jahre später war die ganze Lebensplanung mit dem Tod von Matthias Romeder zu Ende.

Fast jugendlich wirkt die 39-Jährige, ihre sieben Kinder sieht man Birgit Romeder nicht an. Sie muss der Fels in der Brandung sein, auch wenn man sich des Gefühls nicht erwehren kann, ganz leicht zerbrechen zu können.

Ihre Tage richten sich nach Karolina, die im Juli geboren wurde. Ein wenig System ins Tagwerk bringen die 23 Milchkühe und das Jungvieh. Tochter Marion (19) übernimmt den Stall meistens morgens. Ihre Mutter ist stolz auf die Älteste, «ohne sie wäre vieles nicht zu schaffen». Marion, die Hauswirtschafterin gelernt hat, arbeitet viereinhalb Tage die Woche, die übrige Zeit hilft sie mit auf dem Hof.

Wenn Schule ist, wirds vormittags etwas ruhiger im Haus. Fabian (15), der einmal den Hof übernehmen möchte, Martin (11) und Simon (7) sind im Unterricht. Elisabeth (6) geht in den Kindergarten. So wuselt im gemütlich-chaotischen Wohnzimmer nur noch der zweijährige Maxi rum und quäkt Karolina im Laufstall. «In den Ferien ist das alles etwas entspannter, da können wir auch länger schlafen. Und ich habe Zeit für meinen Kaffee und meine Zeitung», lacht die 39-Jährige. Zeit, um die Hände in den Schoß zu legen, hat Birgit Romeder aber weder zu Schul- noch zu Ferienzeiten. Im Schnitt fallen pro Tag zwei Maschinen Wäsche an. Putzen, Kochen, Aufräumen - das berühmte «bisschen Haushalt» vervielfacht sich bei ihr. Die schwereren Tätigkeiten wie Mähen, Heu und Holz machen übernimmt inzwischen ein Betriebshelfer, den die Kasse finanziert.

Den Mist schiebt an diesem Nachmittag allerdings der Nachbar zusammen - wieder ein Stückchen Hilfe für Birgit Romeder, für das sie sehr dankbar ist. «Wenn Sie das schreiben würden, das ist so wichtig», bittet sie.

Die größeren Kinder helfen freiwillig mit. Doch zu sehr einspannen will die Mutter sie nicht, «die brauchen auch ihre Freizeit beim Fußball oder was auch immer». Ohne Auto oder Fahrrad geht da allerdings nichts vom abgelegenen Schober hinab nach Trauchgau. Deshalb hat Fabian zu Weihnachten ein gebrauchtes Mofa bekommen - der Onkel von Birgit bringt die Papiere und den schwarzen Helm vorbei. Martin bekam ein Handy, denn seine Mutter will wissen, wo ihre Kinder gerade sind. Elisabeth freut sich an ihrem Kaufladen, den sie zusammen mit Simon führt. «Zehnhundert Euro» will er für ein Paket Waschmittel - zur Not reicht auch «künstliches Geld».

Für das Sorgenkind läuft es in einer integrativen Klasse bestens

Der aufgeweckte Siebenjährige ist leicht behindert und Birgit Romeders Sorgenkind. «Doch er läuft jetzt und macht sich bestens in der integrativen Grundschulklasse.» Im Frühjahr, kurz nach dem Tod des Vaters, musste Simon überraschend wieder nach München ins Krankenhaus. Das war für seine Mutter wieder so ein Punkt, wo sie dachte, jetzt gehe nichts mehr. «Wenn da die Marion nicht gewesen wäre, die mit Simon eine Woche in München blieb » Sie lässt den Satz unvollendet.

Marion ist inzwischen von der Arbeit zurück und wärmt sich die Nudeln auf, die es zum Mittagessen gab. Bald muss sie wieder in den Stall. Karolina strahlt satt und zufrieden auf dem Arm ihrer Mutter. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Ein ganz normaler Tag bei Romeders und dennoch ein besonderer Tag: «Wenn ich abends todmüde ins Bett falle, bin ich glücklich, wenn nichts passiert ist. Das ist für mich schon Luxus.»

Wer Birgit Romeder und ihrer Familie helfen möchte, tut das am Besten mit einer Spende auf das Konto 320919 «Romeder Birgit» bei der Raiffeisenbank Südliches Ostallgäu, BLZ 73369933.

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