Kurzsichtiges Sparen auf Kosten der Bürger?

Kempten/Oberallgäu(bec). - Ist dieser Schritt ein Paradebeispiel für eine verfehlte Sparpolitik der bayerischen Staatsregierung? So zumindest bewertet Landtagsabgeordneter Adi Sprinkart (Grüne) die von Ministerpräsident Stoiber ab 2005 vorgesehene Abschaffung der staatlichen Ernährungsberatung. Verständnis äußert dagegen Gottfried Mayrock, Leiter der auch für Kempten zuständigen Abteilung 'Natur und Verbraucher' am Landratsamt Oberallgäu: 'Der Staat muss sich auf seine Kernkompetenzen beschränken.' Mit einem Federstrich, wettert Sprinkart, werde in ganz Bayern eine 'bewährte und hoch qualifizierte Arbeit von Fachkräften zunichte gemacht'. Und das in einer Zeit, in der ernährungsbedingte Krankheiten rapide zunähmen: 'Gerade die staatliche Ernährungsberatung vor Ort wäre ein wichtiges Instrument, um Otto Normalverbraucher zu gesunder Lebensweise zu verhelfen und so die steigenden Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen.' Mit kurzsichtigen Sparmaßnahmen, kritisiert Sprinkart, fahre die Staatsregierung aber einen gegenläufigen Kurs. Zur Erinnerung: Im Zuge der bayerischen Verwaltungsreform, die auch längere Arbeitszeiten für Beamte und Neustrukturierungen bei Fachbehörden vorsieht, soll die staatliche Ernährungsberatung ersatzlos gestrichen werden. In Kempten gibt es seit 2001 keine eigene Beratungsstelle mehr. Damals wurde dieses Serviceangebot von den Landwirtschafts- auf die Landratsämter übertragen.

Wenig Einzelberatungen Im Bereich Oberallgäu/Kempten betrifft die Kürzung laut Mayrock vier Beraterinnen, die teils auf Halbtagsbasis arbeiten. Ihre Aufgaben reichen vom Hauswirtschaftsunterricht über Schulungen für Lehrer oder Kindergärtner bis zur Beratung von Kantinen. Vergleichsweise gering sei seit der Umstrukturierung 2001 der Anteil an Einzelberatungen oder Info-Veranstaltungen für Bürger. 'Das können wir mit vier Mitarbeitern einfach nicht bewältigen', erläutert der Amtsleiter. Zur geplanten Abschaffung hat er eine klare Meinung: 'Ich möchte die Kompetenzen der Beraterinnen nicht in Frage stellen, aber der Staat befindet sich nunmal in einer Zeit der begrenzten Ressourcen.' Und weiter: 'Wenn man bedenkt, dass auch bei Wohlfahrtsverbänden gespart wird, die behinderte Kinder betreuen, kann ich die Entscheidung verstehen.' Zumal es in puncto Ernährungsberatung auch viele andere (zumeist private) Angebote gebe: 'Wer sich wirklich dafür interessiert, wird auch künftig etwas finden.' Die Zukunft der Beraterinnen sieht der Abteilungsleiter als gesichert an: In ganz Bayern könne jeder Kraft eine andere Stelle angeboten werden - entweder im Schulwesen oder wieder am Landwirtschaftsamt. Zumal Aufgabenfelder wie der Hauswirtschaftsunterricht erhalten blieben. 'Arbeitslos wird jedenfalls keine', betont Mayrock. Rosa-Maria Naderer, eine der vier Ernährungsberaterinnen am Landratsamt, bleibt skeptisch: 'Eine Diplom-Ökotrophologin, die bei uns ein Referendariat absolviert, steht nach ihrer Ausbildung auf der Straße.' Außerdem findet Naderer, dass in Zeiten steigender Kosten im Gesundheitswesen am falschen Ende gespart werde: 'Gerade die Prävention wird immer wichtiger.' Wenn aber die kostenlose Beratung wegfalle, würden sich viele zwei Mal überlegen, ob sie sich Rat holten, ist die 46-Jährige sicher. Künftig werde sich ihre Tätigkeit fast nur noch auf Unterricht beschränken. 'Das finde ich sehr schade.'

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2018