Kempten
Kluges Spiel vor Wenigen

Gehört das Gefühl des Gehetztseins für den heutigen Menschen zum Dauerzustand, war das Getriebensein von Georg Büchners Woyzeck im 19. Jahrhundert ein Grund, ihn in die pathologische Ecke zu verfrachten. In der Inszenierung des Theaters Stupor Mundi im Stadttheater Kempten prägten sich vor allem die Szenen ein, in denen Tobias Diel als Woyzeck zu einer beschleunigten Musik mit schnellen ruhelosen Bässen wie ein Hamster im Laufrad über die Bühnen spurtet.

Zu seiner Entstehungszeit um 1836 war das Dramenfragment ein radikaler Gegenentwurf zum Idealismus der deutschen Klassik, heute ist es ein Klassiker des modernen Regietheaters. Folgerichtig geht Regisseur Klaus Altmayer in seinem klugen Konzept sehr locker mit dem fragmentarischen Stück um und stellt sowohl das Eifersuchtsmotiv als auch die soziale Problematik heraus. Auf sein neunköpfiges Ensemble zugeschnitten, sind viele Rollen mehrfach besetzt und abgewandelt und die Szenen neu zusammengewürfelt.

Reduzierte Bühnenelemente

Reduzierte Bühnenelemente werfen den Fokus auf die Schauspieler.

Woyzeck und Andres (Martin Sigg) sind Soldaten in Bundeswehrkluft, die von der Schaustellerin (Alexandra Nunner) auf dem Jahrmarkt ordentlich verlacht werden: «Der Aff ist Soldat». Der gauklerischen Vermenschlichung der Tiere entspricht bei Büchner in ironischer Verkehrung die brutale Vertierung des Menschen Woyzeck. Vom Doktor (Klaus Altmayer) als Versuchsobjekt missbraucht, wird er vom Hauptmann (Klaus Hackenberg) verspottet und herabgewürdigt. Tobias Diel gab den Woyzeck weder wahnsinnig noch als reines Opfer der Umstände. Er war ein naiver, traurig-schmächtiges Bürschchen mit großen Augen, das lieber mit der Märklin-Eisenbahn gespielt hätte, als Vater- und Vaterlandsverantwortung zu schultern.

Kein Wunder, dass ihm der fesche Tambourmajor (Marcus Feistauer), der mit MP3-Player an Frauen vorbeijoggt, seine Marie (Carolin Lingenheil) ausspannt, mit der er ein uneheliches Kind hat. Woyzeck wird nach dieser Demütigung zum Mörder. Die wenigen Besucher spendeten einen kurzen, aber prägnanten Applaus.

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