Klinikverkauf aus anderer Sicht

Kaufbeuren(mab). - Um die Sicht der Ärzte und Patienten bei einer Privatisierung des Kaufbeurer Klinikums ging es bei einer Podiumsdiskussion im Kaufbeurer Stadtsaal. Dazu hatte die Patienteninitiative Kaufbeuren, die sich vor einiger Zeit auch für die Verbesserung der Behandlungsumstände in der Onkologie-Ambulanz des Kaufbeurer Klinikums eingesetzt hatte (wir berichteten), eingeladen. Vorab betonte Moderatorin Ruth Weismann von der Patienteninitiative, dass der oberste politische Vertreter des Klinikums, Landrat Johann Fleschhut, nicht kommen konnte, da er im Urlaub sei. Es wurde aber ein Grußwort des Landrates verlesen, bei dem dieser betonte, dass bei einem möglichen Verkauf die medizinische Versorgung der Patienten und das Wohl der Mitarbeiter im Mittelpunkt von Verhandlungen ständen. Fleschhuts Stellvertreter im Klinikumszweckverband, Kaufbeurens Oberbürgermeister Andreas Knie, sei bewusst nicht eingeladen worden, weil dieser gerade mitten im Wahlkampf stecke, so Weismann. Viele kritische Fragen gingen an Gerd Koslowski, der fünfeinhalb Jahre in leitenden Positionen in der privaten Klinikkette Helios tätig war und seit einiger Zeit Vorstand des kommunalen Klinikums Landsberg ist. 'Mir ist nicht ein einziger Fall bekannt, dass nach der Übernahme einer Klinik durch einen Privaten die medizinische Versorgung schlechter geworden wäre', betonte er. Einen solchen Ruf könne sich eine Privatklinik nicht leisten. Ärzte, die in der Nähe einer solchen Klinik niedergelassen wären, würden auch keine Patienten mehr dorthin überweisen. Private Häuser könnten oft schneller reagieren, weil sie keine politischen Gremien hätten, deren Entscheidungen oftmals politisch und nicht betriebswirtschaftlich motiviert seien. Der zentrale Einkauf sei zudem ein Pluspunkt: 'Es macht einen Unterschied beim Rabatt, ob man 100 oder 10000 Herzschrittmacher bestellt.' Und: Private lagerten unter anderem hauswirtschaftliche Bereiche mehr aus. Putzkräfte würden somit nach dem Gebäudereinigertarif und nicht mehr nach dem Tarif der Angestellten im Öffentlichen Dienst bezahlt. Zitat Das hohe Defizit des Kaufbeurer Klinikums wird nicht erklärt. Das Klinikum Kempten ist auch zweihäusig, hat aber ein viel geringeres Defizit.} Peter Brosche von Mamazone (Frauen und Forschung gegen Brutskrebs Dr. Klaus Schenk, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Kaufbeuren-Ostallgäu, bezweifelte grundsätzlich, ob es Sinn mache, medizinisches Handeln betriebswirtschaftlichem Denken nachzuordnen. So gebe es zum Beispiel zwei Methoden der Gallenblasenentfernung. Die Schonendere sei aber wesentlich teurer. Es sei fraglich, welche Methode gewählt würde, wenn Betriebswirte das Sagen hätten. Jutta Aumiller von Verdi Allgäu meinte, dass auch Kommunen ein Krankenhaus effizient tragen könnten. Sie sollten aber nicht am Personal sparen, sondern Strukturen in den Kliniken aufbrechen und Verbünde für zentrale Einkäufe errichten. Eine Privatisierung werde dadurch überflüssig. Die Rechtsform einer Klinik ist hingegen nach Ansicht von Dr. Christoph Emminger von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, zugleich Personalsratsvorsitzender des Schwabinger Krankenhauses (das ebenfalls privatisiert werden soll), egal. Es komme auf die 'handelnden Personen' an, denen es gelingen müsse, das Personal 'von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt' zu motivieren. Peter Brosche von Mamazone (Frauen und Forschung gegen Brustkrebs) bezweifelte, dass ein privater Investor ein Klinikum effizienter führen könne, ohne die Beschäftigten schlechter zu stellen. '70 Prozent der Kosten in einem Krankenhaus sind schließlich Personalkosten.' Privatisierung schaffe letztlich 'frühkapitalistische Zustände', wie andere Beispiele aus Deutschland zeigten, die er aus der 'Zeit' zitierte. 'Man sollte ein Verscherbeln des Klinikums verhindern' sagte Brosche unter Applaus.

'Kaputt gespart' Aus dem Publikum meldete sich Professor Heinrich Stiegler, Chirurg am Klinikum, der die These äußerte, dass sich das Kaufbeurer Klinikum nach der Deckelung der Etats im Jahr 1993 förmlich 'kaputt gespart' habe. Es habe im Kaufbeurer Klinikum nur Grund- und Regelversorgung gegeben. Seinerzeit seien wohl entscheidende Management-Fehler gemacht worden. Aus dem Publikum kam des Weiteren der Einwurf, dass Stadtrat und Verwaltungsrat 'nicht in der Lage sind, das Krankenhaus politisch zu organisieren'. Kaufbeurens Bürgermeister Gerhard Bucher (CSU) sagte, dass er zwar im Gremium für eine mögliche Privatisierung gestimmt habe, mittlerweile aber 'ins Grübeln' gekommen sei und sich mehr Informationen wünsche.

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