Ostallgäu
Kinderarmut gibt es auch vor der eigenen Haustür

«Hartz IV und Kinderarmut - das spielt sich auch im Ostallgäu ab.» Darauf wies Landrat Johann Fleschhut in einer Besprechung die Bürgermeister hin. Untermauert wurde dies durch die Sozialraumanalyse für den Landkreis: Im Ostallgäu gibt es viele Kinder, die nur ein Elternteil erzieht - vor allem in Füssen, Pfronten und Schwangau. In diesen Orten wird jedes vierte Kind von nur einem Elternteil erzogen. Fast ein Drittel der Hartz IV-Bezieher sind Kinder unter 15 Jahren. Auch wenn die Prozentsätze unter dem landesweiten Schnitt liegen, seien Gegenmaßnahmen nötig. Fleschhut: «Das Land ist nicht heile Welt.» Viele Probleme seien ähnlich wie jene, die man vor Jahren in großen Städten feststellte.

Jugendhilfeplanerin Anja Mayr gab den Bürgermeistern einen Überblick über wichtige Ergebnisse der Analyse. Sie zeigte auf, dass sich mehrere belastende Faktoren im Vergleich zur Sozialraumanalyse 2003 kaum verändert haben. Deutlich höhere Belastungen gibt es im südlichen Ostallgäu.

Kinderarmut: Die Jugendhilfeplaner kommen zu dem Schluss, dass Kinderarmut im Ostallgäu - im Gegensatz zu Städten wie Kaufbeuren oder Kempten - noch ein «Randthema» ist. Dennoch: Im gesamten Ostallgäu sind 834 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren auf Hartz-IV angewiesen (3,5 Prozent) - doch allein auf Füssen bezogen ergibt sich ein Wert von 7,4 Prozent. Auch Pfronten liegt mit 4,7 Prozent über dem Landkreis-Durchschnitt.

Alleinerziehende: Rund jedes sechste Kind im Ostallgäu wird von nur einem Elternteil erzogen. Insgesamt betrifft dies fast 5000 Kinder und Jugendliche. Es gibt erhebliche örtliche Unterschiede: Während im Durchschnitt 18 von 100 Minderjährigen bei Alleinerziehenden aufwachsen (niedrigster Wert 6,6 in Rettenbach), werden im Süden (Pfronten, Füssen und Schwangau) jeweils über ein Viertel allein erzogen. Laut Anja Mayr liegt das an der Beschäftigungsstruktur im touristisch geprägten Süden: In der Gastronomie und Hotellerie sowie im Gesundheitswesen gebe es viele Teilzeitstellen, die für Alleinerziehende interessant seien.

Kindergartengebühr: Landkreisweit übernimmt das Jugendamt für 565 Kinder unter sieben Jahren (6,2 Prozent) die Gebühr in Kindertagesstätten. Der Wert liegt im Süden bei 7,3 Prozent. Je Kind übernimmt der Kreis somit 38,70 Euro, bayernweit liegt der Wert bei 41,30 Euro.

Nettoeinkommen: Auch beim Einkommen gibt es ein Nord-Süd-Gefälle: Im Süden verfügen rund 30 Prozent der Haushalte über weniger als 1500 Euro monatlich, im Raum Marktoberdorf liegt dieser Wert bei 26 und im nördlichen Landkreis nur bei knapp 20 Prozent. Ein durchschnittlicher Ostallgäuer Haushalt mit 2,28 Personen hatte 2007 pro Monat 2709 Euro zur Verfügung - 250 Euro weniger als im bayerischen Durchschnitt.

Aufsuchende Jugendarbeit nötig

Mayr und Fleschhut forderten, jungen Ostallgäuern Perspektiven für die Zukunft zu bieten. Frühzeitig müsse man auf Verschlechterungen reagieren und beispielsweise die aufsuchende Jugendarbeit verstärken. Für die Gemeinden sei dies wichtig, wenn Straftaten Jugendlicher zunehmen. Es sei viel zu erreichen, wenn man sich um junge Menschen kümmere, die regelmäßig an Treffpunkten Alkohol konsumieren und infolge dessen eventuell straffällig werden. Denn die Fälle, in denen Jugendliche bei Gericht aktenkundig werden, liegen im Ostallgäu deutlich über dem Bayernschnitt.

Und einsame «Spitze» ist auch bei der Jugendkriminalität wieder Füssen: Auf 100 junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren kommen laut Analyse 11,3 Tatverdächtige (Ostallgäu-Wert: 4,8). Ein Wert, der für Polizei-Chef Günther Stadler nicht nachvollziehbar ist: «Wir haben einen einzigen jungen Intensivtäter.» Im Vergleich zu anderen Dienststellen sei die Situation in und um Füssen eher entspannt.

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