Kessel mit Gulasch bringt Puszta-Flair

Von Thilo Jörgl, Ebersbach/Ostallgäu - Andreas Hofer, bei diesem Namen fällt vielen wohl sofort der österreichische Freiheitskämpfer ein. 'Ja', sagt Andreas Hofer aus Ebersbach augenzwinkernd 'auf den Namensvetter sprechen mich viele an'. Doch dann winkt er ab. Er habe weder die Größe - der Freihheitskämpfer war ein Hühne - mit Hofer gemeinsam, noch den Stammbaum. Einzige Gemeinsamkeit: Sein Vater ist in dem gleichen Örtchen bei Graz geboren worden, wo einst auch der berühmte Hofer das Licht der Welt erblickte. Noch als Säugling reiste der Vater jedoch in den ungarischen Teil der k. u. k. Monarchie - und blieb dort. Geboren wurde Andreas Hofer vor 48 Jahren in der Puszta. Als jungen Mann zog es ihn nach Vac, ein Städtchen nur unweit der 1,8 Millionen Einwohner Metropole Budapest. Dort lernte der Gemüsehändler seine Frau Anna kennen. 'Und wir lebten in der Zeit des Sozialismus nicht besonders schlecht.' Dass Andreas Hofer mit seinen zwei Töchtern - Sohn Csaba lebt in Dänemark - in Ebersbach wohnt, hat er indes seinem Schwager zu verdanken - und dem Zufall.

Crash-Kurs in Deutsch Als der Sozialismus in Ungarn im Sommer 1989 zu brökeln begann, reiste Hofer mit der Familie zu seinem Schwager nach Deutschland. 'Eigentlich wollten wir nur Urlaub machen.' Doch aus dem Urlaub wurde mehr. Wie viele Ungarn entschlossen sich damals die Hofers, ihr Leben im Westen zu führen. Und weil der Schwager Arbeit im Ostallgäu gefunden hatte und in Ebersbach wohnte, konnten die Hofers dort unterkommen. Nach einem Crash-Kurs in Deutsch bekam der Familienvater einen Job bei einer Ostallgäuer Baufirma. Vor acht Jahren wechselte er dann zur Firma Huthamaki in Ronsberg. Wenige Wochen ist es nun her, dass Ungarn Teil der EU ist. Für Hofer Anlass, über die wirtschaftliche Entwicklung seiner Heimat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu reden. 'Das Leben dort ist richtig teuer geworden. Ein Liter Milch kostet knapp einen Euro. Doppelt so viel wie noch vor ein paar Jahren.' Weil ein normaler Arbeiter umgerechnet 250 Euro verdient, sei es nun nötig, dass sich auch seine Verwandten selbst mit Essen versorgen. Dass Ungarn nach dem EU-Beitritt ökonomisch wieder Rückenwind bekommt, daran glaubt Anna Hofer. Sie hofft, dass die neuen EU-Länder wirtschaftlich an einem Strang ziehen. Und sie glaubt, dass vielleicht noch mehr Firmen aus dem Westen - insbesondere Deutschland - in dem ehemaligen Ostblock-Land investieren. Schon heute sind viele große deutsche Unternehmen im Land vertreten. Audi (6000 Beschäftigte) baut in Györ den Sportwagen TT und wie Opel Motoren für sämtliche anderen Modelle. Allianz ist dort einer der größten Versicherer, Siemens produziert ebenfalls in Ungarn. 'Der Vorteil für die Ungarn ist, dass sie bei den deutschen Firmen verhältnismäßig viel verdienen', sagt Andreas Hofer mit leicht ungarischem Akzent. Im Gegensatz zu seiner Frau ist er was das Wirtschaftswachstum Ungarns angeht allerdings etwas skeptischer. 'Ich bin sehr gespannt.' Dass er selbst wieder nach Ungarn zurückkehrt, kommt für ihn nicht infrage. In Deutschland verdiene er mehr. Hier habe die Familie Wurzeln geschlagen. Per Satellitenschüssel gibt es ungarisches Fernsehen. Und die Küche Ungarns? Wenn das Wetter mitspielt holt Hofer den Dreifuß mit einer Kupfer-Schüssel ('alles original aus Ungarn') heraus und kocht im Garten Gulasch. In dieses Puszta-Flair gesellen sich dann auch die Nachbarn, mit denen die Hofers inzwischen gut befreundet sind. 'Sie behandeln uns wie Einheimische', sagt er. Nur ab und an müsse er sie auffordern, den selben Satz langsamer zu wiederholen. 'Denn das Allgäuerisch', so Hofer, 'ist auch nach 15 Jahren noch ein verrückter Dialekt für mich.'

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