Stolpersteine
Kemptener Schuhgeschäft-Inhaber und ihr Leidensweg in Nazi-Zeit

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Die Initiative Stolpersteine für Kempten und Umgebung verlegte 21 Gedenksteine für die Opfer der NS-Herrschaft in Kempten. Heute stellen wir das Schicksal der Geschwister Hedwig und Julius Kohn vor.

Das Schuhhaus der Familie Kohn gehörte zu den bekanntesten Geschäften in der Kemptener Innenstadt. Der jüdische Kaufmann Leopold Kohn gründete das Unternehmen 1878 in Memmingen und eröffnete im Sommer 1889 sein Schuhhaus mit zwei Abteilungen an der Königstraße und an der Klostersteige (im Bachschmidhaus). Mit Fleiß, Service und Kundenfreundlichkeit stellte sich rasch Erfolg ein. Das dritte Geschäft war Kohns Strumpfhäuschen am Scharbach-Haus.

Die Enkelin Margot Renn erinnert sich noch lebhaft an die Geschäfte: «An der Königstraße hatten wir elegante Schuhe.» In der Klostersteige wurden Kinder-, Arbeits- und Stallschuhe sowie Gummistiefel angeboten. Die drei Kohn-Geschwister Julius, Hedwig und Bruno lernten das Schuhgeschäft von der Pike auf. Ihr Vater wird öffentlich als «großer Wohltäter der Armen, als reeller Geschäftsmann und als charaktervolle Persönlichkeit» geehrt.

Nach seinem Tod 1928 übernehmen die Geschwister die Geschäfte.

Sie werben weiter mit ihren genagelten Schnürstiefeln, Gummigaloschen, Damenfilzschnallenstiefeln und Spangenschuhen. Für die Firma «Salamander» hatten sie den Alleinverkauf in Kempten. Für die Kemptener ist es immer wieder ein toller Anblick, wenn die Pferdefuhrwerke hoch bepackt mit Schuhkartons durch die Klostersteige rumpeln.

Doch am 1. April 1933 bleiben die Rollläden der Geschäfte geschlossen. Kemptener SA-Männer in Uniform rollen Transparente aus: «Im Ausland wird der Deutsche durch Juden verfolgt. Denkt daran!»

Die Familie lässt sich nicht entmutigen, sperrt das Geschäft wieder auf. Als der städtische Finanzinspektor Bernhard Stirnweiß seine Frau bewusst ins Schuhhaus Kohn verschickt, muss er büßen. Kreisleiter Anton Brändle bestraft ihn dafür mit einer öffentlichen Rüge. Ähnlich erging es dem Bankier Baumgartner. Als er mit Bruno Kohn nach Dietmannsried fährt, muss er tags darauf im NS-Hetzblatt «Der Stürmer» lesen, dass er «dem Juden die Zeche bezahlt hat.»

Nach der Judenhetze am 9. November 1938 werden die Schuhgeschäfte geschlossen, Bruno kommt ins Gefängnis an der Weiherstraße und Julius Kohn einige Zeit ins KZ Dachau. Die Geschäfte werden wenig später «arisiert». Den Zuschlag erhält der Konkurrent Gensler.

Straßenfegen und Kartonfalten

Im Mai 1939 müssen Julius und Hedwig mit ihrer Mutter das Zuhause an der Klostersteige (heute Modehaus Reischmann) verlassen und in die Sandstraße umziehen. Sie halten sich mit Gelegenheitsarbeiten wie Straßenfegen, Kartonfalten und Schreibarbeiten am Überleben.

Bruno wohnt mit seiner Frau Katharina und den beiden Kindern Margot und Rolf bis 1941 in der Promenadestraße. Als ihn Bankier Baumgartner einstellen will, verfügt die damalige Kemptener Stadtverwaltung: «Kohn darf nicht zusammen mit deutschen Büroangestellten im gleichen Büroraum beschäftigt werden.»

Drei Jahre schlagen sich die Geschwister in Kempten durch, dann kommt der Befehl zur Deportation. Am 31. März 1942 sagen die Geschwister Hedwig (56) und Julius (61) ihrer Familie Lebewohl. Mit dem ersten Kemptener «Judenzug» kommen sie ins Sammellager München-Milbertshofen. Von dort führt der Leidensweg weiter ins Vernichtungslager Piaski, wo sie verschollen sind. Ihr Schicksal blieb bis heute ungewiss.

 

Gedenken an Julius und Hedwig Kohn in der Klostersteige. Fotos: Ralf Lienert

 

 

Julius Kohn

 

Hedwig Kohn

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