Kemptener kämpft gegen Hottentotten

Von Ralf Lienert, Lüderitzbucht/Kempten - Am 12. Januar 1904 begann der Völkermord an den Herero, die sich gegen die Kolonialherrschaft im damaligen Deutsch-Südwestafrika auflehnten. Zu den Freiwilligen der Schutztruppe gehörte auch Leutnant August Leichtle, Angehöriger des Königlich Bayerischen 20. Infanterie-Regiments Prinz Franz in Kempten. Er kämpfte ab Juni 1905 ein Jahr lang gegen Herero und Hottentotten. 1883 hatte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz große Gebiete um die Bucht von Angra Pequena (Lüderitzbucht) erworben und eine deutsche Kolonie gegründet. Die Siedler nahmen sich immer mehr Land und so war der Aufstand der Einheimischen von 1904 programmiert. 123 Weiße ließen dabei ihr Leben, Bahn- und Telefonverbindungen wurden unterbrochen, Farmen und öffentliche Gebäude gingen in Flammen auf. In der Schlacht am Waterberg im August 1904 ließ Generalleutnant von Trotha Tausende von Herero einkesseln und trieb sie in die Wüste, wo drei Viertel umkamen. Die Überlebenden sammelte er in Konzentrationslagern. Nach offiziellen Berichten starb fast die Hälfte der Gefangenen. Historiker schätzen, dass ungefähr 80 Prozent der Hererobevölkerung und 50 Prozent der Nama ihr Leben ließen. Zu den 15000 Mann der Schutztruppe gehörte auch August Leichtle, der zweitälteste Sohn von Adolf und Josefine Leichtle aus Lenzfried. Er kam 1876 im Zumsteinhaus zur Welt, besuchte Volks- und Lateinschule und absolvierte das Gymnasium in München. Dann trat er mit 22 Jahren beim 20. Infanterie Regiment in Kempten ein und wurde ein Jahr später zum Leutnant befördert. Im Winter 1904 meldete er sich gegen den Widerstand der Familie nach Südwestafrika. Anfang Mai 1905 fand in Lindau eine Abschiedsfeier statt, bei der er einen prächtigen Ehrensäbel erhielt.

Am 1. Juni startete er auf die vierwöchige Schiffsreise. In der Lüderitzbucht hatten Hendrik Witbooi und Jacob Morenga einen Guerillakrieg organisiert, in den auch Leichtle verwickelt wurde. Nach Ausflügen ins Tiras-Gebirge und einem Gefecht an der deutsch-ostafrikanischen Grenze nahm der Kemptener an der Expedition gegen Witbooi im Oktober teil. Bei diesem Unternehmen hatte eine durstige Hererofrau Leichtle um Wasser gebeten. 'August, dem das arme Weib leid tat, gab ihr zu trinken und aus Dankbarkeit dafür zeigte sie ihm den Aufenthalt Hendriks', so Notizen der Familie. Witbooi starb, als er im Oktober 1905 einen Verpflegungstransport angriff. Für Leichtle folgten Expeditionen gegen Kornelius sowie gegen Morenga und Fielding in den kleinen Karasbergen im Orangegebirge. Neben den zahlreichen Gefechten schrieb er von der Überschreitung des Orangeflusses nach Hause. Der Einsatz in Südwestafrika stellte große Anforderungen an die Soldaten. 'Die wenigen erreichbaren Wasserstellen wurden von den Eingeborenen vergiftet', so Leichtle in einem seiner Briefe. Eine Erkrankung zwang den Allgäuer zur Rückkehr Anfang Juni 1906. 'Er erholte sich aber in der guten Allgäuer Luft und durch mütterliche Pflege nach und nach von seinen Krankheiten', notiert damals seine Schwester. August Leichtle wurde mit dem preußischen Kronenorden und dem bayerischen Militärverdienstorden ausgezeichnet, zum Oberleutnant befördert und als Adjutant dem 3. Bataillon in Lindau zugeteilt. 1908 heiratete er Clotilde Aurnhammer, mit der er eine Tochter hatte. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs fiel er am 25. August 1914 und wurde auf dem Soldatenfriedhof Bertrimoutier beigesetzt. Seine Witwe heiratete 1920 den alt-katholischen Bischof Erwin Kreuzer, hatte mit ihm noch zwei Töchter und starb 1976.

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