Kein Wunschdenken

Buchloe - Kurz nach Ende des Marienmonats Mai führte das 'Collegium Canticum', begleitet von seinem Barock-Instrumentalensemble, in der Buchloer Stadtpfarrkirche unter Leitung von Thomas Friese die 'Marienvesper' und andere Werke von Meinrad Spieß auf. Das Konzert war ein ganz besonderer Beitrag zu dem an musikalischen Höhepunkten nicht gerade armen Buchloer Jubiläumsjahr 2004. Könnte man doch den Musikdirektor und Prior des Klosters Irsee zumindest aus heutiger Sicht als den musikalisch bedeutendsten Sohn Buchloes bezeichnen. 1683 wurde Spieß in Honsolgen geboren, um im 18. Jahrhundert mit Bach und Händel zu den wichtigsten Musikern beziehungsweise Musiktheoretikern Deutschlands zu gehören. Lange Zeit geriet der 'Musikprior von Irsee' nach der Säkularisation in Vergessenheit. Dass er heute wieder entdeckt wird, entspringt allerdings, so viel wurde beim Konzert am Sonntag in der Stadtpfarrkirche deutlich, keineswegs nur lokalpatriotischem Wunschdenken: Die Werke konnten zweifelsohne aus sich selbst heraus mehr als überzeugen. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Josef Schweinberger - das Stadtoberhaupt bedankte sich vor allem bei Josef Kagermeier für dessen organisatorische Leistung - stand zunächst ein Violinkonzert auf dem Programm.

Zu hören war als Solistin die erst 16-jährige Julia Kuhn, die in diesem Jahr bereits als Preisträgerin beim Landeswettbewerb 'Jugend musiziert' hervortrat. Das Publikum erfreute sie mit einer gestalterisch inspirierten, natürlich-frischen Sensibilität in Strich und Tongebung. Mit technisch sicherer Eleganz wurden Schärfen umschifft und schwierige Läufe mit einer teilweise recht anspruchsvollen Binnenstruktur souverän umgesetzt. Das 'Regina Coeli' aus dem marianischen Antiphonarium wurde von der Kaufbeurer Sopranistin Waltraud Strößner mit reifer, beweglicher, ganz auf wohldosiertes Vibrato und strahlende Spitzentöne setzender Stimme gesungen - und leitete zum Hauptwerk des Abends, der etwa einstündigen 'Marienvesper' über. In diesem Werk, das zunächst Psalmentexte vertont, um schließlich ins 'Magnificat' zu münden, konnte knapp die Hälfte des etwa zwei Dutzend Sänger umfassenden Chores beweisen, dass sie auch über solistische Fähigkeiten verfügt. Neben Strößner erlebte man Trudi Altmann-Haase, Martha Vilgertshofer und Silke-Steger als Sopran- und Alt-Solistinnen, bei den Herren teilten sich die solistischen Aufgaben Anton Rosner, Rüdiger Büll, Eberhard Wiederhut und Josef Kagermeier. Die unterschiedlichen Stimmcharaktere brachten viel Farbe ins musikalische Geschehen, allen gemeinsam war Ausdauer, Tragfähigkeit und Substanz des Organs, verbunden mit solider Technik und Beweglichkeit. Die Komposition von Spieß füllt die formalen Vorgaben ihrer Zeit mit oft überraschenden Details, einer beeindruckenden motivischen Fülle und Auszierungsreichtum in der rhythmischen Feinarbeit aus und beherzigt dabei nicht selten die Devise: In der Kürze liegt die Würze. Die Ausführenden setzten ebenfalls nicht auf voluminöse Breite, sondern agierten schlank und durchhörbar, schufen Intensität und Spannung durch klanglich-räumliche Tiefe, lebendigen Rhythmus, Erfassen der Eigendynamik jedes Motivs und letztendlich immer wieder durch sorgfältige, helle Akzente, die auch gegen Ende kaum an Frische eingebüßt hatten. Das Publikum dankte für das gelungene Hörerlebnis mit anerkennendem Beifall. Lucia Buch

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