Kaum Leuchtkraft am Lagerfeuer

Von unserem Redaktionsmitglied Klaus-Peter Mayr, Kempten - Programme mit der Präsentation ausschließlich von Höhepunkten kommen beim Publikum an. Warum sollte der größte italienische Opernkomponist des 19. Jahrhunderts, Guiseppe Verdi (1813 bis 1901), davon verschont bleiben? Auch die Große Oper Polen machte sich daran, aus den insgesamt 26 Werken Verdis Stücke herauszugreifen, die die Italiener zu dessen Zeiten angeblich auf der Gasse pfiffen und die heute zumindest das Herz von Liebhabern der Oper und des Belcanto erwärmen. 'Viva Verdi!' (es lebe Verdi) tauften die Polen ihren 16-teiligen Gala-Streifzug durch das Schaffen des Opern-Übervaters, den sie vor rund 900 Besuchern in der Big Box Allgäu präsentierten. Sie brachten dazu ein etwa 35-köpfiges Orchester mit, platzierten es auf der linken Seite der kinoformatigen Bühne. So blieb rechts genug Platz für das Ensemble und die Solisten übrig, um mal in einfach gestalteten Szenen, mal schlicht an der Rampe die Verdi-Hits aus Nabucco, La Traviata, Rigoletto oder Don Carlos zum Besten zu geben. In den Programmheften von solchen durch die Lande ziehenden Projekten wird gerne von 'Starbesetzungen' und anderen Superlativen geschwärmt. Oft eine gehörige Übertreibung. Was die Große Oper Polen in historischen Kostümen und naturalistischer Szenerei bot, war alles in allem recht ordentlich, doch Stars hören sich nun mal anders an. Den Stimmen fehlte durchweg jene Leuchtkraft oder jener Ausdrucksreichtum, den man von Starensembles kennt. Das Publikum war dennoch entzückt und holte sich am Ende durch viel Applaus zwei Zugaben.

Virtuose Sopranistin Das war vor allem Violetta Chodowicz zu danken, die nicht nur ihre Arien nuancenreich, virtuos und ungemein höhensicher gestaltete, sondern auch durch ihr Temperament die Zuhörer mitriss. Stark waren zudem die Chöre. Verdi bietet auf diesem Gebiet ja jede Menge Anspruchsvolles - und natürlich Populäres. Der 'Gefangenenchor' aus Nabucco durfte nicht fehlen. Doch die rund zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger glänzten auch bei der Il-Trovatore-Nummer 'Chi del gitano' am (elektrischen) Lagerfeuer oder bei 'Noi siamo zingarelle' (La Traviata). Am Pult des Orchesters stand nicht wie im Progammheft suggeriert der 'führende Dirigent Polens', Marek Tracz. Statt seiner leitete Marzena Diakun ein Ensemble, das feine und schöne Passagen bot, aber bisweilen auch inhomogen agierte. Insgesamt litten Musik und Gesang unter der trockenen Akustik in der Halle. Die Big Box scheint für Rock und Pop sehr viel geeigneter zu sein als für Klassik. Auch die schiere Größe des Raumes lässt - gerade bei vielen unbesetzten Plätzen - eine konzentrierte Theater- oder Opernstimmung kaum entstehen. Das zu ändern, wäre eine lohnende Herausforderung für die Big-Box-Leute.

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