Memmingen
Kaufladen statt Kuscheltier

Wenn Opa Hugo Wolf erzählt, wie er als Kind Weihnachten erlebt hat, leuchten seine Augen. Auch seine Enkelin Julia Frasch hat dieses Strahlen im Gesicht, wenn sie an das Fest der Liebe denkt. «Besonders freue ich mich auf die Geschenke», sagt die Achtjährige.

Bunt verpackte Präsente habe es 1938 noch nicht gegeben, erinnert sich der Opa, der damals so alt war, wie seine Enkelin heute. Im Gegenteil: Sein Vater, ein Schreinermeister, habe alle Spielsachen und Geschenke selbst hergestellt. Von der Mutter gab es jedes Jahr selbst gestrickte Mützen, Socken, Handschuhe und alles, was für den Winter nützlich war. «Wir haben zwar in einfachen Verhältnissen gelebt, aber Weihnachten war immer schön. Alle haben sich gefreut und waren zufrieden», so der 79-Jährige. Julia lauscht gespannt den Erzählungen ihres Großvaters. «Das wäre ja cool, wenn mein Papa die Spielsachen selber bauen würde», schmunzelt die Drittklässlerin. Auch über eine Mütze würde sie sich freuen, «denn Spielsachen bekomme ich ja jedes Jahr».

Ein Weihnachtsfest wie zu Opas Zeiten könne sie sich gar nicht vorstellen - ohne Kuscheltiere, Playmobil und schöne Puppen auf dem Wunschzettel.

«Was hast du dann für Spielsachen bekommen?», möchte die Achtjährige von ihrem Opa wissen. «Einen Kaufladen, der jedes Jahr mit neuen Teilen erweitert wurde», antwortet Hugo Wolf. Auch einen Schlitten und einen Laubsägekasten habe er sich einmal gewünscht. Für seine Schwester Gerlinde gabs neben einem Puppenbett eine Puppenstube und eine Puppenküche. «Das waren tolle Sachen», erinnert sich Wolf. «Aber das schönste Geschenk war, als mein Vater im Krieg über Weihnachten nach Hause kommen durfte.» Julia staunt: «Weihnachten ohne meinen Papa kann ich mir gar nicht vorstellen. Denn erst wenn er den Baum aufgestellt hat, wird er von der ganzen Familie geschmückt.»

Kein Geschenkpapier

Bei Hugo Wolf war das früher anders. Während der Vater am Morgen des 24. Dezember noch arbeiten musste, stellte die Mutter den Weihnachtsbaum auf und schmückte ihn mit Kugeln, Lametta und Kerzen. Dann platzierte sie die uneingepackten Geschenke darunter. «So wussten wir schon am Nachmittag, was wir geschenkt bekommen», sagt Wolf. «Das ist ja blöd», schüttelt Julia den Kopf. «Da ist ja die ganze Spannung weg.» Opa Wolf beugt sich zu seiner Enkelin und sagt: «Aber nicht nur die Geschenke waren damals anders als heute.

Statt einer Nordmanntanne hatten wir einfache Fichten, statt Weihnachtslieder zu singen, erzählte die Mutter Märchen, statt Raclette gabs eine Wurst mit Kartoffelsalat und statt Orangen, Kiwis und Bananen eine kleine Kiste Äpfel, die uns mein Onkel aus Niederbayern zuschickte.» Über die habe er sich damals immer besonders gefreut. «Äpfel habe ich schon immer gern gegessen.»

Julia kann es kaum glauben: «Keine gekauften Geschenke und keine Orangen?» Die Achtjährige überlegt, nimmt ihren Opa in den Arm und flüstert ihm ins Ohr: «Ich bin echt froh über unser Weihnachtsfest, denn so, wie wir es heute feiern, ist es einfach am schönsten.»

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2019