Irsee
Kalte Interpretation

Bei einem Klavierkonzert müssen nicht zwingend die Haare des Pianisten wirr über den Tasten wallen. Auch das Spiel vom Notenblatt ist nicht unbedingt ein Zeichen für mangelnde Identifikation mit dem Werk. Und ein romantisches Klavierwerk muss wahrlich nicht immer triefen vor Gefühlen und Zartheit. Aber beim traditionellen «Konzert zum Jahreswechsel» im Festsaal des Klosters Irsee ließ der Pianist Stephan Rahn bei den von ihm vorgetragenen Stücken der Spätklassik und Romantik bisweilen auch die Mindestdosis an Emotion vermissen.

Den Anfang machte die Sonate in A-Dur (op. 101) von Beethoven. Bei den ersten Sätzen konnte man in der durchweg kraftvollen, dynamisch kaum variierenden Interpretation Rahns noch ein Stilmittel sehen, um die Zugehörigkeit der weiteren Stücke des Abends zu einer anderen Epoche deutlicher herauszuheben. Als allerdings selbst das Adagio unbarmherzig hart und (durch fast ununterbrochenen Pedaleinsatz) zudem sehr laut durch den Festsaal schallte, konnte man sich das sogar mit den abstraktesten Idealen der Klassik nicht mehr erklären.

Ob dieser Eindruck nun der mangelnden Harmonie zwischen Instrument und Raumakustik oder zwischen Werk und Interpret geschuldet war, ließ sich auch bei den folgenden Klavierstücken (op. 119) von Johannes Brahms nicht eindeutig ermitteln.

Während der Kloster-Festsaal in dieser Beziehung aber bisher kaum negativ aufgefallen ist, legte Rahn in seiner Gestik und seiner Interpretation eine gewisse Distanz zu den vor ihm liegenden Noten nahe. Die anfängliche Härte löste sich auch im Verlauf der vier Brahms-Stücke nur wenig auf und lediglich die abschließende Rhapsodie in Es-Dur ließ in ihrer etwas subtileren Intonation hoffen.

Nach der Pause stand dann Robert Schumanns «Kreisleriana» (op. 16) auf dem Programm. Diese gilt als eines der zentralen Werke der romantischen Klavierliteratur und lebt von den stark kontrastierenden Charakteren seiner acht Sätze. Sowohl die Gesamtmenge an Emotionen als auch deren Amplitude blieb bei Rahns Spiel wiederum sehr überschaubar. Schumanns feine Differenzierung der Stimmen und Stimmungen war aus dem exakten, aber kalten Spiel des Pianisten kaum herauszuhören.

Dies verwunderte bei einem Blick in die Biografie und die Referenzen des in Speyer lebenden Pianisten umso mehr. Dem freundlichen Applaus folgte als Zugabe der erste Satz aus Beethovens «Mondscheinsonate». Auch wenn die korrekte Interpretation dieses Stücks - inklusive besagtem Pedaleinsatz - umstritten ist, so fungierte das populäre Werk an diesem Abend doch als aufschlussreiches Referenzstück für Rahns sehr eigene Sicht auf die vorgetragenen Werke.

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