Lindau / Westallgäu
Jugendhilfe im Landkreis so teuer wie nie zuvor

Die Entwicklung der Jugendhilfe im Landkreis Lindau frustriert die Kreisräte. Denn der ohnehin höchste Budgetansatz aller Zeiten wird noch längst nicht ausreichen: Weil vermehrt Familien in desolaten Verhältnissen leben, braucht der Landkreis 2010 mindestens 3,6 Millionen Euro für die Jugendhilfe. Damit hat sich der Aufwand binnen gut fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Im November ging Jugendamtsleiter Patrick Zobel noch davon aus, dass er sein Budget 2009 einigermaßen einhalten kann. Fürs neue Jahr kündigte er im November im Jugendhilfeausschuss einen ungedeckten Bedarf von gut 3,3 Millionen Euro an - um immer häufiger Kindertagesstättengebühren zu übernehmen, um Heimkosten für den Nachwuchs zugezogener Familien finanzieren zu können, um Jugendsozialarbeit und Eingliederungshilfe zu leisten. Vor allem aber ist es ein Posten, der geradezu explodiert: die Hilfe zur Erziehung.

Eines wurde bei Zobels Schilderungen im Haushaltsausschuss schnell klar: Zwischen Westallgäu und bayerischem Bodensee gehört die heile Welt der Vergangenheit an.

Da gibt es einen Jugendlichen, der zwischen Internet und Psychiatrie lebt und im Kreisgebiet einen Amoklauf angekündigt hatte; eine 15-jährige «Totalverweigerin», die für ein Jahr in ein geschlossenes Heim muss; eine andere Teenagerin, die so fixiert auf ihre Mutter ist, dass sie nicht einmal eine Ausbildung machen kann; immer wieder Kinder und Jugendliche, die aus alkoholisierten Familien kommen und dementsprechende Probleme haben; sogar die Fachklinik für ein Baby mit Entzugserscheinungen muss das Jugendamt zahlen.

Jugendamt muss eingreifen

Und weil teilweise tödliche Fälle von Kindesmisshandlung die Menschen bundesweit wachrütteln, gibt es auch im Kreis Lindau fast jeden Tag neue Hinweise auf Familien, die den Alltag mit ihren Kindern nicht mehr schaffen - und das Jugendamt muss eingreifen.

Das Team um Sozialpädagoge Zobel gerät an seine Grenzen. Die gesellschaftlichen Probleme haben auch den Landkreis Lindau eingeholt. Vor allem zugezogene Familien, die kaum Kontakt zu ihren Nachbarn haben, bringen die Kostenlawine ins Rollen.

Ein schwacher Trost ist es, dass Projekte wie «erste Schritte» wenigstens bei den Einheimischen Erfolg zeigen: Im ein oder anderen Punkt kann das Jugendamtsteam früh genug helfen, bevor es teuer wird oder Kinder aus der Familie hinausgenommen werden müssen.

48 Euro pro Landkreis-Bewohner

Auch beim «Übergang Schule-Beruf» sieht Zobel kleine Erfolge, wenn in Zusammenarbeit von Schulen, Wirtschaft und Jugendamt vor allem Hauptschülern der Weg ins Berufsleben erfolgreich geebnet wird. Und deshalb stehe der Kreis mit Jugendhilfeausgaben von rund 48 Euro pro Landkreisbewohner noch einigermaßen gut da, während nach Zobels Worten andere bayerische Regionen längst an der 60-Euro-Marke kratzen.

Kreisrat Dr. Friedrich Haag hat erschüttert ausgesprochen, was an diesem Vormittag viele seiner Kollegen denken: «Das heißt, dass wir mit immer mehr Aufwand immer weniger Erfolg erzielen.»

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