Integrationsarbeit in Uniform

Kaufbeuren (avu). - Eigentlich möchte er gar nicht viele Worte verlieren, nicht sprechen über sein Engagement für die Integration jugendlicher Aussiedler und seine neue Arbeit bei der Kaufbeurer Sicherheitswacht. Doch damit hat Anatol Neufeld eine Aufgabe übernommen, die eine Brücke schlagen soll zwischen der Polizei und auffälligen Russlanddeutschen. Neufeld bezeichnet seinen Einsatz bei der Sicherheitswacht als eine Art abschließenden Schritt in seiner Arbeit für die Integration von Aussiedlern, die viel früher angesetzt hat, nämlich 1998, als er selbst aus Kasachstan nach Deutschland kam. Der 55-Jährige weiß sehr genau, wie sich ein Neuankömmling fühlt, der ein fremdes Land als seine neue Heimat annehmen muss. Und er kennt die Integrationsarbeit von Staat und Stadt sowie vieler Institutionen und Mitbürger, die er hoch anerkennt. Dennoch sieht Neufeld einen Schwachpunkt im System. 'Es wird viel zu oft über Aussiedler geredet als mit ihnen.' Das wollte eine Handvoll Spätaussiedler ändern, als vor einigen Jahren der Verein der Deutschen aus Russland gegründet wurde. Eines der Vereinsziele ist die Förderung der Integration, nicht über die Köpfe der meist jungen Betroffenen hinweg, wie Neufeld sagt, sondern 'mit ihnen'. Die Zusammenarbeit des Vereins mit Behörden, dem Gablonzer Siedlungswerk, den Schulen und Beratungseinrichtungen werde seitdem gepflegt. Die Ehrenamtlichen treffen die Jugendlichen jedoch auch an den Plätzen, an denen sie sich aufhalten, sich austauschen und ihre Freizeit verbringen - in Parks, auf Bolzplätzen oder in Hinterhöfen. Auf ihrem Weg zur Integration sehen sich Neufeld und seine Mitstreiter damit bereits vorangekommen, und auch der 55-Jährige bleibt beim Bild einer hürdenreichen Strecke. 'Es war der erste Schritt, die Jugendliche dort anzusprechen, wo sie meist sind.' Ganz spontan tauchten Neufeld und seine Mitstreiter also auf, zeigten Interesse, sprachen über Gemeinsames. Damit wurden die Jugendlichen aber auch schon in die Pflicht genommen. 'Blieben sie länger auf diesen Plätzen, wurde ein Verantwortlicher ernannt, der für alles geradestehen musste, was passierte', so Neufeld. Gab es also die Beschwerde eines Anwohners über Lärm, musste diese Person sich entschuldigen und für Abhilfe sorgen. 'Die Resonanz war gut', erinnert sich Neufeld. 'Letztlich kannte ich sie ja alle.' Drei Fragen, und er habe gewusst, wer die Eltern sind. Als zweiten Schritt bezeichnet es Neufeld, die Jugendlichen von der Straße zu bekommen, herein in die Treffs, in der sie nicht nur 'geparkt', sondern auch sinnvoll beschäftigt werden. Für ihn ist es eine Mentalitätsfrage, ob man sich nun wie hierzulande in einer verrauchten Kneipe trifft, um sein Bier zu trinken und mehr oder weniger laut zu diskutieren, oder unter freiem Himmel, wie es eher der Natur vieler Spätaussiedler entspricht. 'Aber damit hinterlassen unsere Jugendlichen eben einen schlechten Eindruck', so Neufeld. Als positives Beispiel verweist Neufeld auf den Treff in der Neugablonzer Christuskirche, der 'hervorragend funktioniert'. Rund 50 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 30 Jahren würden von dem Angebot angesprochen. Vor drei Monaten begann für Neufeld der dritte Schritt seines ganz persönlichen Integrationsbemühens. Er trat in die Sicherheitswacht ein. Kaufbeurens stellvertretender Inspektionsleiter Karl Höß erzählt, dass die Polizei auf ihn als 'Integrationsfigur' zugegangen sei, um ihn 'als Brücke' zu den Spätaussiedlern einsetzen zu können. Höß verhehlt nicht, dass der Kontakt zu dieser Bevölkerungsgruppe nicht immer einfach sei - wegen der Sprachprobleme und einem ganz anderen Verständnis der Menschen aus den früheren GUS-Staaten von staatlichen Institutionen wie der Polizei.

'Neue Aufgabe keine Barriere' Damit sorgen Neufeld und seine vier Kollegen nun als Laienpolizisten allein durch ihre Anwesenheit für Sicherheit, sie dürfen etwa Zeugen befragen, die Identität von Personen feststellen und wenn nötig einen so genannten Platzverweis erteilen. Wie die markante, uniformähnliche Jacke der Sicherheitswacht sich auf das Verhältnis zu russlanddeutschen Jugendliche auswirkt, ob sie gar ein Problem im gemeinsamen Umgang wird, müsse die Erfahrung zeigen, so Neufeld. Schon jetzt zeige sich aber, dass 'die neue Aufgabe keine Barriere ist'. Außerdem werde sein Engagement nun rechtlich untermauert. Für Neufeld gibt es darüber hinaus auch eine ganz praktische Erkenntnis: 'Wenn ich privat unterwegs bin, dauert eine Gespräch mit Jugendlichen viel länger, mit Uniform geht es schneller.'

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