Kempten
In Herzen und Köpfen zusammengewachsen

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Als die Mauer fiel, hätte Rektor Reinhard Werner nicht im Traum daran gedacht, bald darauf vor einer «Ossi»-Klasse in Sachsen zu stehen. «Das», meint der Kemptener heute schmunzelnd, «waren die längsten 90 Minuten meines Lebens». Eisiges Schweigen irritierter junger Leute schlug ihm damals entgegen. Die frostige Schulstunde stand am Beginn einer umso herzlicheren Partnerschaft zwischen der Kemptener Volksschule bei der Hofmühle und der Friedrich-Schiller-Schule von Schlema (heute Bad Schlema) im Erzgebirge.

Per Anzeige hatte die sächsische Lehranstalt 1990 nach einer Partnerschule in Westdeutschland gesucht. Reinhard Werner knüpfte den Kontakt, «und innerhalb kürzester Zeit stand der Kollege aus Schlema mit Frau und Sohn bei mir im Rektorat».

Menschlich waren die Schulleiter sofort auf einer Wellenlänge. Hinzu kamen «ein fantastisches Lehrerkollegium und absolut kooperative Eltern», schwärmt Werner von den Anfängen des Austausches. «Es war ein menschliches Zusammenwachsen in den Köpfen und Herzen, abseits der Politik.» Zweimal jährlich wurden gegenseitige Schüler- und Lehrerbesuche organisiert, die Schulchöre gaben Konzerte in Ost und West. Alles habe man aus eigener Tasche und mit Spenden finanziert.

Der 76-Jährige weiß so manche Anekdote zu erzählen. Beim ersten Besuch aus Schlema seien die Kemptener zunächst ratlos gewesen, wie sie so viele Gäste privat unterbringen sollten. Doch der heutige Stadtrat Helmut Hitscherich wusste Rat. Als Elternbeiratsvorsitzender und Chef der Artillerie-Kaserne quartierte er die Besucher kurzerhand dort ein. «Denen fiel erst mal das Kinn nach unten», lacht Werner.

Der Rektor im Ruhestand kommt ins Schwärmen, denkt er an die Schülerfahrten nach Schlema zurück. Mit der Dampfeisenbahn sei man etwa ins Erzgebirge gefahren, habe die damals noch kaputte Frauenkirche in Dresden bestaunt oder durfte beim Bau eines Kohlenmeilers zuschauen. Höhepunkt der Ost-West-Freundschaft: Während eines Besuches in Kempten 1992 rollte ein mit Wappen liebevoll gestalteter Trabbi auf den Schulhof.

Über Jahre hatte das DDR-Symbol einen Ehrenplatz in der Aula der Schule bei der Hofmühle. «Schade» findet Werner, dass das Geschenk aus Schlema irgendwann in der Schrottpresse landete.

Mit der Verabschiedung Werners 1996 in den Ruhestand lief auch die Schulpartnerschaft allmählich aus. Indes pflegt das Ehepaar Werner noch immer engen Kontakt mit dem früheren Leiter der Ost-Schule. Zu tieferen Verbindungen kam es übrigens auch zwischen manchen Schülern. Sogar die eine oder andere Ehe sei dank der Schulpartnerschaft zwischen Ost und West gestiftet worden.

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