• 6. Oktober 2007, 00:00 Uhr
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In der Welt der Holzfäller, Bauern und hohen Militärs

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(Foto: privat)

Von Gunther le Maire | Wertach Den in Kempten am 23. Januar 1890 geborenen und dort am 21. März 1970 verstorbenen Maler Josef Hengge hat ein Kunstkritiker einmal den 'Egger-Lienz des Allgäus' genannt, und ihn damit stilistisch eingeordnet.

Hengge lernte bei der Kirchenmalerfirma Gebrüder Haugg in Sontheim, besuchte danach die Städtische Gewerbeschule und dann die Königliche Kunstgewerbeschule in München. An der Akademie der Bildenden Künste in München waren seine Lehrer Angelo Jank und Franz von Stuck. Hengge studierte sehr lange, erhielt mehrere Preise und wurde als junger Künstler schon in die Jury der Glaspalastausstellungen gewählt und stellte dort auch aus.

Im Krieg schwer verwundet

Nach dem Studium ließ er sich in München nieder und wurde als Freskant und Maler so bekannt, dass sich der letzte bayerische König, Ludwig III., und dessen Gemahlin von ihm malen ließen. Im Ersten Weltkrieg wurde Hengge 1915 bei Arras schwer verwundet und der König nahm sich seiner persönlich an. Besonders gut verstand sich Hengge mit Kronprinz Rupprecht, der ihm 1929 den Auftrag für die Schlossplatzfresken in Berchtesgaden beschaffte, den Hengge 1952 'aktualisierte'.

Von 1922 stammt die Bemalung des Passauer Rathausturmes. 1924 malte Hengge die Fresken am Alten Rathaus in Bad Reichenhall. Einen marianischen Bilderzyklus erhielt die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Maria-Schutz-Kirche in Pasing. In Burghausen schuf er bemerkenswerte Wandgemälde im Meier-Helmbrecht-Saal. In der Katholischen Kirche in Hersbruck malte er 1934 eine überlebensgroße Kreuzigung Christi. Er hatte 1935/36 auch die Leitung über die Neu-Freskierung des Weberhauses in Augsburg, das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Hengge hatte familiäre Wurzeln in Wertach. Dort malte er 1923 das Deckenfresko und das breite Wandgemälde im oberen Altarraum der Kapelle von Bichel mit Einheimischen vor originalgetreuer Landschaft. Die meisten Fresken an Wertacher Gebäuden stammen von ihm. In Durach ist der Heilige Christopherus an der Pfarrkirche von ihm (in der Nähe ist Hengges Grab). Ebenso schmückte Hengge die Wendelin-Kapelle in Weidach bei Durach und die Pfarrkirche in Frauenzell.

Dem Zeitgeschmack geopfert

1928 wurde in der bekannten Kunstzeitschrift 'Velhagen & Klasing' sein Gemälde 'Holzer im Allgäu' abgedruckt. Viele Arbeiten von ihm waren in Kempten - Fassade der Sparkasse am Alten Bahnhof, am früheren Arbeitsamt in der Königstraße, drei große Wandbilder im alten Bahnhof, ein Freskenstreifen am Lyzeum als Hintergrund des Kriegerdenkmals für 1870/71 und das Dornier-Porträt an der Dornierstraße - außer letztgenanntem wurden alle dem geänderten Zeitgeschmack geopfert.

1932 lebte Hengge mit einem Stipendium der Stadt München in Florenz. Heim nach Wertach zog Hengge 1945, als er in München ausgebombt wurde. In der Pfeifermühle baute er sich aus einer Werkbaracke ein Atelier und eine gemütliche Wohnung. Aber schon 1950 zog er nach Kempten, weil ihm Wertach zu einsam war. Zu seinem 70. Geburtstag fand im Kornhaus in Kempten eine Ausstellung mit über 100 Bildern statt. Die Marktgemeinde Wertach hat vor einigen Jahren in einer Ausstellung im Sitzungssaal des Rathauses des Malers gedacht.

Ölmalerei sei eigentlich nur seine Nebenbeschäftigung, flaxte Josef Hengge. Er liebte das Monumentale, das große Fresko. Ferdinand Hodler war sein Vorbild. Seine Motive für Ölbilder waren bevorzugt arbeitende Menschen: Holzfäller und Bauern. Außerdem porträtierte er viele hohe Militärs. Seltener malte er Blumenstillleben oder Landschaften. Seine Werke entsprechen sehr dem kräftigen Realismus der 20er und 30er Jahre, und weil diese Art heute nicht 'in' ist, wird heute auch Hengges künstlerisches Werk unterschätzt.

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