Kemnat
In der Fremde, aber doch zu Hause

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten erinnert sich Jürgen Seils an den Winter im Jahr 1945 und eine tiefe Dankbarkeit überkommt ihn. Denn das Ende des Krieges erlebte der damals Siebenjährige auf dem Einödhof der Familie Jörg in Großkemnat, die seiner Familie Unterschlupf gewährt hatten. Gemeinsam mit seinen Eltern, die Mutter hochschwanger, und zwei Geschwistern war Seils von Berlin ins Allgäu gekommen. «Mein Vater hatte 1944 erkannt, dass Berlin nicht mehr sicher war, deswegen sind wir weg», erinnert sich der 71-Jährige.

Obwohl die Reise keine übereilte Flucht war, nahm die Familie doch nur das Nötigste mit. Im Februar wurden die Seils von der Familie Jörg aufgenommen, bereits im Mai holten die Amerikaner Jürgen Seils Vater zur «vollständigen Entnazifizierung» ab und verhafteten ihn. Ein Jahr lang bangten Mutter und Kinder, bis das Familienoberhaupt 1946 heimkehrte. Ohne Vater und neu in einer völlig fremden Umgebung hatte Jürgen Seils dennoch keine Angst. «Wir hatten ja noch unsere Mutter, darauf haben wir vertraut.»

Außerdem hätten sich die Kinder schnell auf dem Bauernhof eingelebt und auf den Wiesen und im Stall mitgeholfen. Abends legten sich die beiden Familien mit insgesamt zehn Mitgliedern dann in der Wohnküche zum Schlafen nieder.

Der Heilige Abend ist Jürgen Seils besonders im Gedächtnis geblieben, weil Wilhelm und Johanna Jörg die evangelischen Zuwanderer mit zum katholischen Weihnachtsgottesdienst nahmen. «Ich erinnere mich an eine eiskalte, sternenklare Nacht. Durch die Laternen, die die Jörgs an langen Stangen vor sich hertrugen, kam eine feierliche Stimmung auf.» Die Laternen erleuchteten den hohen Schnee, durch den es zwei Kilometer zur Kirche ging. Schon von weitem seien die Kirchenglocken zu hören gewesen und die Kirche war proppenvoll. «Mein Bruder und ich gingen mit gefalteten Händen fromm durch den Gang zu einer Bank, bekreuzigten uns, knieten nieder und waren furchtbar stolz, hier als Fremde dabei sein zu dürfen», erzählt Seils.

Besonders spannend war für die Buben aber der Heimweg, «denn es ging zur Weihnachtsbescherung, einfach und bescheiden, aber voller Wärme». Da die Christmette erst nach Mitternacht endete, gab es am Heiligen Abend lediglich selbst Gebackenes mit heißem Most. Am ersten Weihnachtstag freuten sich dagegen alle über ein warmes Festmahl mit Fleisch. «Wilhelm Jörg hatte heimlich ein Schwein geschlachtet, obwohl das damals verboten war», berichtet Seils. Trotz der vorherrschenden Armut haben Wilhelm und Johanna Jörg die Seils in ihr bescheidenes Heim aufgenommen und sie versorgt.

Kontakt besteht bis heute

Und obwohl die Seils 1946 nach Tailfingen in Baden-Württemberg zogen, blieb der Kontakt doch bis zum Lebensende der Jörgs bestehen. Und sogar die Nachfahren stehen heute noch mit Jürgen Seil in Kontakt. «Diese Menschen haben uns von Anfang an ohne Vorurteile integriert, dafür bin ich auch heute noch unendlich dankbar.»

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2019