Kempten
Im Bann des allsehenden Auges: Der Tempel der Freimaurer

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Seit gestern brennt die vierte Kerze am Adventskranz: Nur noch dreimal schlafen, dann ist endlich Heiligabend. Damit geht auch unsere Adventskalender-Serie dem Ende entgegen. Noch bis zum Donnerstag öffnen wir Türen zu Orten, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Heute: Die Kemptener Freimaurerloge «Hohes Licht».

Wahrscheinlich ist es dieses Dämmerlicht, das rot-gedämpft durch die schweren Vorhänge nach drinnen dringt. Oder das allsehende Auge im Dreieck, das gelb von der Stirnseite des kleinen Raumes leuchtet. Oder die Bücher, deren Titel von geheimnisvollen Ritualen künden. Irgendwas jedenfalls in diesem kleinen Raum in der Mozartstraße bringt unwillkürlich die Fantasie zum Schwingen. Orffs Carmina Burana würde gut dazupassen, dieses düstere Dum-Dum-Dum-Dum von «O Fortuna». Aber in Wahrheit ist es wohl nur das, was man in Büchern gelesen und in Filmen gesehen hat über die Menschen, die sich regelmäßig in diesem Raum in der Mozartstraße treffen: die Freimaurer. Nur wenige wissen, dass die einzige Allgäuer Loge der Freimaurer seit 1963 in Kempten ihren Sitz hat. Seit Mitte der 70er Jahre ist sie in der Mozartstraße zu Hause, ist gerade vom Erd- ins erste Obergeschoss gezogen.

45 Mitglieder in Kempten

14000 Freimaurer gibt es in ganz Deutschland, 45 sind es im Allgäu. Ihr Stuhlmeister - und damit so zusagen der Vorsitzende - ist Wolfgang Böhm.

Als der Kemptener an diesem Mittag - in Hemd und Anzug - die Tür öffnet zu der geräumigen Altbauwohnung, sieht er so gar nicht aus wie das Mitglied eines geheimnisvollen Bundes. «Genau genommen sind wir ein philosophischer Klub», erklärt Böhm.

Einer, der vor allem auch im Jetzt existiert und neben den althergebrachten Ritualen auch ein modernes Gesicht besitzt. Der 57-jährige Böhm beispielsweise führt sein eigenes Beratungsunternehmen vom Allgäu aus und die Mitglieder der Loge stammen aus allen Schichten.

Keine Frauen

Frauen allerdings sucht man beim «Hohen Licht» vergeblich - aufgenommen werden nur Männer. Wobei, sagt Böhm, einige Frauen seiner Freimaurerbrüder schon über die Gründung einer eigenen Loge nachgedacht haben. Sieben «Meisterinnen» bräuchte man dafür. Denn bei den Freimaurern gibt es drei «Grade» - Lehrling, Geselle, Meister. Eine Einteilung, die aus den Ursprungszeiten des Bundes stammt, als die Freimaurer tatsächlich noch Baumeister und Architekten waren. Künstlerische, die in der Gotik an Gotteshäusern arbeiteten und dabei in ganz Europa herumkamen. «Das waren Kosmopoliten», sagt Böhm.

Und was heißt es, Freimaurer im Jahr 2009 zu sein? Da muss Böhm ein wenig überlegen. Es bedeutet zum Beispiel, meint er, ein Leben lang suchend zu sein, Gespräche zu führen, die weit über das «Stammtischniveau» hinausgehen und das Leben bewusst zu gestalten. Mit den gängigen Verschwörungstheorien jedenfalls habe es nichts zu tun - «wir machen keine Lobbyarbeit, sind kein Zweckverband». Der Begriff «gelebte Ethik» gefällt Böhm da schon besser - weshalb auch demokratisch abgestimmt wird bei der Aufnahme neuer Mitglieder. So können Interessenten zunächst als Gäste kommen, wer dann aufgenommen werden will, führt ein Aufnahmegespräch mit einem Meister. Dann wird «gekugelt»: Per weißer («ja») und schwarzer («nein») Kugel geben die Brüder ihre Stimme ab. Bei drei schwarzen Kugeln wird der «Suchende» (so der offizielle Name bis zur Aufnahme) abgewiesen.

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