Ich zünde den Ort an, wenns nicht hilft

Als Johann Schroth am 26. März 1856 in Niederlindewiese stirbt, hat ihn ein Herzleiden schon so stark eingeschränkt, dass er kaum mehr seine Patienten versorgen konnte. Deren Zahl ist seit der Anerkennung der Heilmethode durch das 'Hochlöbliche k. k. Landes-Gubernum' am 13. Juli 1839 unaufhaltsam gestiegen. Eine Erfahrung, die in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts auch Oberstaufen machen sollte. Johann Schroth ist am 11. Februar 1798 als Zweitjüngstes von zehn Kindern eines Bauern in Böhmischdorf im ehemaligen österreichisch Schlesien geboren. Johann Schroth tritt in das Fuhrunternehmen eines Verwandten ein und interessiert sich besonders für die Pferde, mit denen er weite Fahrten unternimmt. Beim Beschlagen eines Zugpferds wird der 19-Jährige durch einen Hufschlag am rechten Bein schwer verletzt. Auf einer Reise gibt ihm ein Mönch den Rat, das fortan steife Gelenk mit einem in kaltes Wasser eingetauchten Lappen 'öfters des Tages zu waschen'. Schroth variiert den Vorschlag, indem er ein kaltes nasses Tuch aufs Knie legt und darüber ein trockenes bindet. Innerhalb von zehn Wochen ist er geheilt - die erste Säule der Schrothkur ist entdeckt: 'In feuchter Wärme gedeihen Holz, Frucht und Wein, selbst Fleisch und Bein', sagt der Fuhrmann. Als er beobachtet, dass erkrankte Haustiere wenig Futter nehmen und trinken und auch die Weltreligionen das Fasten als heilsam bezeichnen, probiert er den Wechsel von Trink- und Trockentagen als 'Veterinär- und Chirurgengehilfe' beim Militär im Kürassier-Regiment aus - und hat Erfolg. Nach seiner Heirat 1822 übernimmt er den Hof seines Stiefvaters in Niederlindewiese, wird aber immer wieder auch zu Verletzungen bei Menschen und Tieren gerufen. Er behandelt vor allem die Ärmsten, die sich keinen Arzt leisten können. Bald dringt Schroths Ruf als 'Hunger-, Semmel- und Fastendoktor' bis nach Wien, scharf beargwöhnt von Ärzten und Apothekern. Nachdem eine staatliche Untersuchungskommission ihm die Ausübung seiner Tätigkeit verbietet, kämpft Schroth um die Anerkennung, die er schließlich 1839 erreicht. Drei Jahre später, der Strom der Patienten steigt, baut er die erste Kuranstalt in Niederlindewiese.

Da die Zimmer dort bald nicht mehr ausreichen, werden immer mehr Patienten auch in Privatzimmern im Dorf untergebracht. Gegenüber Wissenschaftlern und Medizinern, die die Heilmethode unter die Lupe nehmen, bekräftigt Johann Schroth sein Credo: 'Alle meine Anordnungen zielen dahin ab, der Naturheilkraft die Oberhand zu verschaffen.' Weil durch die Kur der russische Fürst Alexander Barjatinsky, Adjudant des Zaren Nikolaus I. von Russland, von schweren Leiden befreit wird, wird Schroth 1847 ein Denkmal gestiftet. Von Bernd Wucherer entdeckt und restauriert steht es heute vor dem 'Haus des Gastes' in Oberstaufen. Nach einigem Auf und Ab der Kur unter der Leitung von Nachkommen Schroths gegen Ende des 19. Jahrhunderts kommt das Heilverfahren in den 30er-Jahren zu neuer Blüte. Jährlich über 3000 Kurgäste zählt man in Niederlindewiese, darunter so berühmte Schauspieler wie Gisela Uhlen, Hans Albers und Willi Fritsch. Mit der Vertreibung der Sudetendeutschen kommt vorerst das Ende der Schrothkur. Dr. Hermann Brosig, 1906 geboren und seit 1936 Kurarzt in Niederlindewiese, kommt aus englischer Kriegsgefangenschaft 1948 nach Oberstaufen zu seiner Familie. Er ist nicht der einzige aus dem Ort im Sudetenland im Allgäu. Emma Volkmann, die für Schroth'sche Diätspeisen und Packungen schon in der früheren Heimat verantwortlich war, wird aus Memmingen nach Staufen 'gelockt'. Täglich ging die Kriegerwitwe von Hinterreute zu Fuß in den 'Flecken', um zusammen mit Dr. Brosig Patienten zu betreuen. Der erste Schrothgast kam am 11. Januar 1949, hieß 'Herr Schulte-Vitting aus Düsseldorf' und hatte Magenblutungen. 'Ich zünde den ganzen Ort an, wenn die Kur nicht hilft!', drohte er gegenüber Hubert Meissner, verantwortlich für den Empfang am Bahnhof. Staufen blieb stehen. Nein, ganz im Gegenteil: Mit Staufen ging's aufwärts. Der Ort entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte zum Schroth-Heilbad, das 1949 erst 105 Schrothler, im Spitzenjahr 1991 aber 30 649 Kurgäste beherbergte. Auch wenn ihr Anteil an den Besuchern Staufens heute nur noch bei 20 bis 30 Prozent liegt, ist Bürgermeister Walter Grath überzeugt: 'Die Schrothkur bleibt ein wichtiges Standbein.'

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