Ich dachte, jetzt ist es aus

Marktoberdorf(sg). - 6. Juni 1944: Amerikaner, Kanadier und Engländer landen in der Normandie, Beginn einer Schlacht, die das Ende des Zweiten Weltkrieges einläuten sollte. In allen Medien wird über dieses denkwürdige Ereignis derzeit berichtet. Unsere Zeitung befragte zwei Zeitzeugen, die sich in in jenen Tagen in den Kesseln bei Caen/Normandie befanden: Die Marktoberdorfer Veteranen Hermann Leonhart und Karl Pusch. Sie waren als 17- und 19-Jährige in der 12. bzw. 10. Panzerdivision im Kriegseinsatz. 'Ich dachte, jetzt ist es aus mit mir', schildert Leonhart seine Gedanken, die er an jenem 6. Juni 1944 im Panzergraben hatte. Dort, bei Caen, harrte er mit seinen Kameraden aus und konnte förmlich zusehen, wie sie von den Alliierten eingekesselt wurden. Als Sturmmann in der 12. Panzerdivision war er bereits im April nach Caen verlegt worden. Als so genannter 'vorgeschobener Beobachter' war es seine Aufgabe, Funksprüche weiterzuleiten. Zuerst sah er die Fallschirmjäger, dann die Landungsboote. 'Am Abend hieß es dann: Wir müssen durchbrechen'. Es gelang ihm mit weiteren Soldaten, bis in die Stadt Caen zu gelangen. Er traf auf seinen Vorgesetzten, der 'seine Funker' auf einer Acht-Tonnen-Zugmaschine bis zur nächsten Stellung brachte. Leonhart ist sich sicher, dem Tod damals knapp entkommen zu sein. Aus Schlesien stammt Karl Pusch, der nach Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung aus seiner Heimat nach Marktoberdorf kam. In einem kleinen Tagebuch hat er die Ereignisse vom Einzug in den Reichsarbeitsdienst 1943 bis zu seiner Entlassung aus der Französischen Gefangenschaft festgehalten. Er war als Kraftfahrer bei der Flugabwehr (Flak) in der 10. Division tätig, transportierte Geschütze auf Zugmaschinen zu ihren Einsatzorten. Seine ersten Einsätze waren in Frankreich, mal im Süden, mal im Norden.

Seine Division war dann nach Polen abkommandiert worden, Pusch war eingeschlossen im Kessel von Lemberg. Im Juni 1944 hatte er zwei Wochen Heimaturlaub. Als er den Dienst wieder antrat, war seine Division bereits in die Normandie verlegt worden. Dort traf auch er Mitte Juli ein. Und er geriet, so erzählt er, von Kessel zu Kessel. 'Heute brechen wir wieder durch' habe es jeden Abend geheißen. Nur nachts habe man es wagen können, die Geschütze vorwärts zu bewegen, um der Einheit einen Weg zu bahnen. Tagsüber seien die Flugzeuge der Engländer und Amerikaner über die Köpfe der Stellungen hinweg geflogen. Wo sich etwas bewegt habe, sei sofort von oben geschossen worden. Seine Division befand sich südlich von Caen. 'Wir wussten damals als gemeine Soldaten nicht einmal, wo wir genau waren.' Angst sei in ständig umzingelten Zustand das vorherrschende Gefühl gewesen. Und wenn er einmal nicht im letzten Moment vor einem Treffer von seinem Fahrzeug gesprungen wäre, hätte dieser Krieg ihn das Leben gekostet. Am 20. August 1944 geriet Pusch in amerikanische Gefangenschaft. Jetzt sah auch er die Gefallenen auf dem Schlachtfeld. Er musste nicht nur beim Entladen von Schiffen helfen, sondern auch beim Umbetten der toten Soldaten auf den Friedhöfen. Von amerikanischer kam er dann in französische Gefangenschaft, wurde als Arbeiter in einer Aluminiumfabrik und bei Bauern eingesetzt. Erst 1948 wurde er in die Heimat entlassen. Aber nach Schlesien konnte er nicht zurück. Zu den Eltern in der russischen Besatzungszone wollte er nicht. Durch einen Kameraden kam er ins Allgäu. 'Ich schaue mir nichts an, was mit diesem so genannten D-Day zu tun hat', sagt Karl Pusch. Zu sehr würde ihn das aufregen. Zumal sich für den, der in jener Zeit als Soldat in der Normandie war, manches anders darstelle als das, was in Dokumentationen gezeigt werde. Viele Jahre nach Kriegsende bereiste Karl Pusch mit seiner Frau Frankreich. Er besuchte Caen, die Soldatenfriedhöfe, die an die vielen Tausend Opfern auf beiden Seiten erinnern.

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