Ich dachte erst, die haben den Falschen erwischt

Buchloe | evb | Johann Bittel konnte es zunächst gar nicht glauben, als er einen Brief vom Bayerischen Staatsministerium erhielt. Der Bundespräsident habe ihm 'das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland' verliehen, hieß es darin. 'Zuerst dachte ich: Das war ein Irrtum. Die haben den Falschen erwischt. Ich habe weder jemand vor dem Ertrinken gerettet, noch bin ich ehrenamtlich besonders engagiert', erzählt er. Doch dann kam ein zweites Schreiben und noch ein drittes.

'Möglicherweise erhalte ich die Auszeichnung, weil ich schon im 36. Jahr meine kranke Frau pflege', sinniert der 74-Jährige. Bei einem Telefonat mit dem Pressebüro der Regierung von Schwaben bestätigte sich diese Annahme. 'Als ich Christa kennenlernte, war sie bumperlgsund', sagt er über seine Frau. Eine tolle Schwimmerin sei sie gewesen. 'Geturnt habe ich auch', wirft Christa Bittel nicht ohne Stolz ein. Doch plötzlich hatte sie Probleme beim Gehen. 'Und innerhalb von fünf Jahren war sie an den Rollstuhl gefesselt', erzählt Bittel. Multiple Sklerose lautete die Diagnose. Die Krankheit schritt weiter voran, mittlerweile ist sie vom Kopf abwärts gelähmt.

Eine große Belastung

1985 zogen die Bittels nach Buchloe. Für Johann Bittel, der im Zollamt in Augsburg arbeitete, war die Krankheit seiner Frau eine große Belastung. 'Ich bin sehr früh aufgestanden, um sie zu waschen und anzuziehen. Dann habe ich ihr das Essen für den Tag vorbereitet', erzählt er. Und das musste natürlich bereits in mundgerechten Häppchen angerichtet sein. Außerdem war es für ihn schwer, in Buchloe Anschluss zu finden. 'Erst habe ich in einer Musikkapelle gespielt. Doch ich konnte nicht bei jedem Auftritt mit dabei sein', berichtet der 74-Jährige.

Seit 1995 ist Bittel pensioniert und rund um die Uhr für seine Frau da. 'Ich wollte immer alles selbst machen', meint er. Doch das zehrte an seiner Gesundheit: Probleme mit den Knien, dem Rücken und der Schulter waren das Resultat. Mittlerweile lässt sich Bittel von der Buchloer Sozialstation helfen. Während eine Pflegerin Christa morgens richtet, macht Johann Bittel Gymnastik. 'Ich versuche, gesund zu leben. Und ich bin ein Kämpfer. Wie ein Stehaufmännchen.'

Bus mit Hebebühne

Im Sommer möchte er zumindest abends die Pflege seiner Frau wieder selbst übernehmen. Denn die Pfleger von der Sozialstation bringen Christa schon um 19 Uhr ins Bett. 'Doch sie ist noch so lebensfroh und unternehmungslustig', sagt Bittel. Er habe extra einen Bus mit Hebebühne gekauft, damit die beiden Ausflüge machen können. Bittel würde auch gerne einmal in andere Länder reisen. Doch: 'Übernachten können wir nirgends. Unsere Wohnung ist mittlerweile absolut behindertengerecht.' Doch wenigstens heute, wenn Bittel in Augsburg von Staatsministerin Dr. Beate Merk den Orden ausgehändigt bekommt, ist seine Frau Christa mit von der Partie sein.

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