Herrschaftssprache in Stein

Von Cornelia Tauber, Marktoberdorf - Auf völlig verschiedene Weise stellten der Burgenforscher Dr. Joachim Zeune aus Eisenberg und der italienische Grafiker Luigi Marcon bei einem Vortrag im Rathaussaal ihre persönlichen Beziehungen zu Burgen dar. Beide sind Akteure bei der Ausstellung 'Burgen in Bayern', die im Stadtmuseum eröffnet wurde. Während Zeune aus seinem leidenschaftlichen Interesse für mittelalterliche Archäologie einen Beruf machte und als selbständiger Burgenforscher bundesweit mit vier Forschungsteams arbeitet, widmet sich der Künstler mit großer Begeisterung der detailgenauen zeichnerischen Wiedergabe von Burgenansichten unter Verwendung einer aufwändigen Radiertechnik aus früheren Jahrhunderten. 'Auf der Suche nach der &po_226;wirklichen' Burg' - mit dieser herausfordernden Formulierung zog Zeune bei seinem Vortrag 'Burgen in Bayern' die Zuhörer im Rathaussaal in seinen Bann. Eindrucksvoll und unter Einbeziehung geschickt ausgewählter Gegenüberstellungen aktueller Luftbildansichten heutiger Burgenanlagen und zeichnerischer Rekonstruktionen archäologisch nachgewiesener Ursprungsburgen gab er höchst anschaulich einen Überblick über die gesamte Bandbreite der vielfältigsten Burgenformen. Mit umfangreichem Fachwissen erläuterte er die Tatsache, dass es so gut wie keine einzige &po_226;wirkliche' mittelalterliche Burg bei uns gibt, da sämtliche Burgen je nach Zweck und Vorstellung der Besitzer unentwegt verändert, überbaut, aber auch den Erfordernissen der veränderten Zeiten angepasst wurden. Die Ursprünge einer Burg lassen sich oft kaum mehr genau feststellen. Die meisten begannen als kleine Wohnburg und avancierten durch Ausbau über die Jahrhunderte zum prächtigen Burgschloss (Sulzberg). Zeune machte deutlich, dass Burgen im ursprünglichen Sinne keinesfalls aus Gründen der Wehrhaftigkeit entstanden, sondern ausschließlich als Symbole der Macht anzusehen waren. Das belege die Forschung bezüglich der steinernen Türme, die im 11. Jahrhundert als so genannte 'Wohntürme' weithin sichtbar in der Landschaft den Status der jeweiligen Adelsfamilie zeigten. In Bayern sind heute noch rund ein Dutzend solcher Türme erhalten, und bis heute gibt es hier immer wieder neue Entdeckungen, die sich bis 1130 zurückdatieren lassen. In diesem Zusammenhang erwähnte Zeune die steinernen Mauerreste der möglicherweise ältesten Burg der Region in Hopfen, deren Erforschung er seit 1998 betreibt.

Mit alten Bildern aufgeräumt Der Zuhörer bekam aus fachkundigem Munde die gesamte Entwicklungsgeschichte der Burgen bis zum Niedergang der Ritterzeit komprimiert geboten, immer versehen mit Bildbeispielen von Burgen unserer näheren und weiteren Umgebung. Dabei räumte der Burgenforscher auf mit dem Bild des ausbeuterischen und ausschließlich wehrhaften Charakters mittelalterlicher Burgen. Die Begegnung mit den graphischen Kunstwerken des Luigi Marcon stand bei der Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum im Mittelpunkt. Sie war geprägt von einer anschaulichen Demonstration der Arbeitstechnik des Künstlers. Marcon, der sich in der zeichnerischen Darstellung von Burgen einen internationalen Ruf erworben hat, führte den komplizierten Prozess von 'Aqua tinta' einer im Jahre 1768 erfundenen Tiefdrucktechnik, mit der schon der spanische Künstler Goya arbeitete. Als bekennender Burgenfan hatte Bürgermeister Himmer den Gast aus Italien begrüßt und die Vielzahl der akribisch und detailgenau wiedergegebenen Allgäuer Burgen als zeichnerische Zeugnisse vergangener Jahrhunderte gewürdigt. Im Rahmen dieser von Kay Reinhardt und Stefan Hunecke gestalteten Ausstellung sind über die Zeichnungen hinaus eine Reihe interessanter Fundstücke von Burgen unserer Region zu sehen. i Die Ausstellung ist geöffnet jeweils mittwochs von 14 bis 16 Uhr und sonntags 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr. Sie wird ergänzt durch eine weitere Sonderausstellung (ab 17.4.), die sich mit dem 'Turm in der Kulturgeschichte' befasst.

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