Lindau / Westallgäu
Hartz IV muss keine Endstation sein

Jeder Tag ist ein einziger Kompromiss. Der Lebensstandard ist niedrig. Ein Besuch im Kino oder im Schwimmbad? Unmöglich. Das Selbstwertgefühl? Am Boden; denn sie leben von Hartz IV. Drei Monate lang haben 13 Frauen, die Arbeitslosengeld II beziehen, gemeinsam Lösungen aus ihrer scheinbaren Sackgasse erarbeitet.

Bewerbungen haben sie alle unzählige geschrieben und viele Vorstellungsgespräche geführt. Trotzdem sind sie bei Hartz IV gelandet. Haben alleTiefen erlebt, wie Scham, soziale Ausgrenzung, Isolation, bis zu Depression und Resignation.

Bei Francesca Tromba war es die Krankheit ihres Mannes, die dazu geführt hat. Sie hat 20 Jahre lang als Näherin gearbeitet, hat vier Kinder großgezogen und einen Enkel mitversorgt. Seit ihr Mann arbeitsunfähig ist, versucht sie vergeblich, einen Job zu finden. Oder Roswitha Jarde: Die gelernte Hauswirtschaftshelferin war 25 Jahre lang in der Lebensmittelbranche tätig. Dann zog sie, der Liebe wegen, nach Memmingen. Die Beziehung zerbrach. Sie kehrte zurück nach Lindenberg. Arbeit fand sie keine mehr.

Silke Vela ist Textilreinigungsfacharbeiterin mit Leidenschaft. «Ich liebe bügeln», sagt sie und schwärmt vom Duft frisch gewaschener Wäsche. Sie lebt mit ihren zwei Söhnen und versucht die Familie mit strengem Finanzmanagement über Wasser zu halten. Arbeit hat sie nach der Trennung von ihrem Mann keine gefunden.

Monika Katschtaler hat früher die Filiale eines Drogeriemarktes geleitet. Zuletzt war sie als Masseurin tätig. Dann schloss das Seminarhaus, dessen Teilnehmer sie behandelte, und es gab keine Arbeit mehr.

Italienischer Tante-Emma-Laden

Nun sind diese Frauen im Wortsinn im Aufbruch. Das dreimonatige Seminar hat ihnen gutgetan. Sie haben sich gegenseitig gutgetan. Ursula Hosch, die von der Kolping-Bildungsstätte zur Unterstützung und Beratung der Frauen engagiert wurde, ist begeistert: «Sie haben sich Selbstwertgefühl gegeben, Erfahrungen ausgetauscht, Kontakte vermittelt und nicht zuletzt Freundinnen gefunden. Neun von den 13 Frauen wollen sich weiterbilden. Zwei streben ein Fernstudium an.»

Francesca Tromba möchte mit ihrer Familie einen italienischen Tante-Emma-Laden eröffnen. Ein Fachgeschäft für Spezialitäten aus ihrer Heimat. Bezahlbare Räume hat sie schon ausfindig gemacht. Sie hat herausgefunden, dass es Bedarf dafür in Lindenberg gibt.

Roswitha Jarde will Floristin werden. Sie hat eine Mappe mit Arbeitsmustern erstellt und setzt alle Hebel in Bewegung, um in diesem Bereich eine Anstellung zu bekommen. Beim Frauen-Kulturabend im «Kura Kura» in Lindenberg hat sie einen vielbeachteten Vortrag über Edelsteine gehalten. Eine Sache, die sie sich zuvor nicht zugetraut hätte.

Silke Vela möchte in ihren erlernten Beruf zurück - in eine große Wäscherei, in der sie zeigen kann, wie gern, schnell, präzise und professionell sie arbeitet. Außerdem schreibt sie erotische Erzählungen und hätte nach ihrer Lesung im «Kura Kura» den Mut, sie zu veröffentlichen.

Monika Katschthaler hat vor allem einen Wunsch: «Ich will mich wieder selber versorgen.» Deshalb wird sie sich weiterbilden. Ernährungsberatung sei ihr Traum. Und bis dahin möchte sie im Gesundheitsbereich Arbeit finden.

Gemeinsam wollen sie vor allem beweisen: Hartz IV muss keine Endstation sein.

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