Goldmünzen verschleudert

Lindau | enz | Die Szene war bühnenreif: Der Angeklagte lässt die Schultern fallen, ringt schnaufend nach Luft, schlägt drei-mal entsetzt die Hände vors Gesicht und quält sich die Frage von den Lippen: 'Wem - um Gottes willen - habe ich was getan?' Sein klagender Blick ist auf den Staatsanwalt gerichtet, der beantragt hatte, ihn für ein Jahr und drei Monate einzusperren.

Richter Klaus Harter ließ es bei einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von zehn Monaten bewenden, bürdet aber dem wegen Betrugs und Missbrauchs von Titeln verurteilten joblosen Unternehmer 1000 Stunden gemeinnützige Arbeit auf. Harter: 'Sollten Sie vorab eine entlohnte Tätigkeit aufnehmen, wird die Arbeitsauflage in eine Geldbuße von 5000 Euro umgewandelt, die der Lindauer Bahnhofsmission zugute kommt.'

Der Staatsanwalt hatte dem Angeklagten vorgeworfen, einen Hausverwalter in Lindau hinters Licht geführt und sich so dessen Münzsammlung im Wert von 16 000 Euro unter den Nagel gerissen zu haben. Dies sei ihm mit der Behauptung gelungen, als Goldhändler gute Kontakte in die Schweiz zu unterhalten. Nach dem Versprechen, die 124 Gold- und Silbermünzen 'bestmöglich' bei den Eidgenossen in Cash umzusetzen, übergab der Gutgläubige seinen Schatz. Dem Deal vorausgegangen war die vom Angeklagten betriebene Abmachung, gemeinsam eine Management GmbH gründen zu wollen. Dazu sollten beide als Stammeinlage die Summe von 12 500 Euro einbringen. Der finanziell klamme Hausverwalter erklärte sich einverstanden, seinen Anteil aus dem Erlös der Münzsammlung aufzubringen und sich den Rest von mindestens 3500 Euro auszahlen zu lassen.

Aus der GmbH wurde nichts, weil - wie der Hausverwalter berichtete - sein Partner mit der Hiobsbotschaft aus der Schweiz zurückgekehrt sei, nur 2000 Euro für die Münzen erlöst zu haben. 'Belege hatte er keine.' Er sei fassungslos gewesen, habe an der Redlichkeit des Mannes gezweifelt und diesen aufgefordert, den Schaden zu ersetzen. 'Dann war er plötzlich weg aus Lindau', so der seinerzeit Geprellte. Zuvor habe ihn der Mann mit 1300 Euro abgespeist.

Der Angeklagte leugnete jegliche Schuld. Er habe nie behauptet, Goldhändler zu sein, sei auch nicht in der Schweiz gewesen, sondern habe die Münzen in Lindau verkauft - für 2000 Euro und keinen Cent mehr. In der späteren Urteilsbegründung äußerte der Richter die Überzeugung, dass die Münzsammlung für mindestens 10 000 Euro verhökert und der Betrug am Hausverwalter mit der Show einer vermeintlichen Firmengründung eingefädelt worden sei.

Die weitere Anklage, den Geschäftsführervertrag mit dem akademischen Grad 'Dr. honoris causa' unterzeichnet zu haben, wies der 52-Jährige zurück. Er besitze ein Zertifikat, das ihn zur Führung des Titels berechtige. Leider habe er vergessen, das Dokument mitzubringen. Richter Harter wedelte mit einem ornamentreichen Papier: 'So sieht das Zertifikat aus, das Sie sich aus dubioser Quelle in den USA gegen Bezahlung beschafft haben.'

Der Möchtegern-Akademiker entgegnete: 'Der Titel ist mir 1995 vom Bund freier Akademiker verliehen worden.' Der Richter konterte: 'Wenn es so einfach wäre, einen Doktortitel zu erhalten, würde es hierzulande von Doktoren wimmeln.' Der Schwindel sei umso dreister, weil der falsche Doktor bereits vor neun Jahren wegen Titelmissbrauchs bestraft worden sei.

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