Gericht weiß genau, wie die Post abgeht

Sonthofen/Oberallgäu | pts | Es traf sich gut, dass Richter Andy Kögl früher selbst zeitweise als Paketzusteller gearbeitet hatte. So konnte er sich nun bei der Urteilsfindung in einer Strafsache vor dem Amtsgericht Sonthofen auf eigene Erfahrungen berufen.

Der Angeklagte, ein 26-jähriger Arbeitsloser, hatte bei seinem Zwischendurch-Dienst als Austräger nicht alle Sendungen ordnungsgemäß abgeliefert. Wegen Untreue, Unterschlagung und Urkundenfälschung musste der gelernte Dachdecker jetzt eine Geldstrafe von 1400 Euro (70 Tagessätze à 20 Euro) hinnehmen. Das Urteil fiel nur deshalb so milde aus, weil der junge Mann auf den allerletzten Drücker seine Schuld doch noch eingestand.

Drei Pakete beziehungsweise Päckchen nebst verdächtigen Unterlagen und Rauschgift-Utensilien hatten sich bei ihm nach einer Hausdurchsuchung gefunden. Der Paket-Inhalt (unter anderem Kinoplakate) war nicht viel wert. Ein bei dem Angeklagten vermutetes Auto-Navigationsgerät ließ sich jedoch nicht auffinden.

Gefälschte Unterschriften

Dessen Verlust nach einer Internet-Versteigerung und die danach unterbliebene Zustellung hatte die Polizei überhaupt erst auf die Spur des 26-Jährigen gebracht. Seinem Arbeitgeber hatte der Angeklagte durch gefälschte Unterschriften und erfundene Namen vorgegaukelt, alles habe seine beste Ordnung. Vor dem Kadi stritt der Paketzusteller zunächst jede Unterschlagungs-Absicht ab. Er versuchte sich damit herauszureden, dass er die Sachen nach anstrengender Tagestour gleich am nächsten Morgen nachliefern wollte. Doch die Filzaktion mit den beschriebenen Fundstücken fand erst acht Tage später statt.

Dem kundigen Richter konnte man also mit derlei Ausflüchten nicht kommen. Immerhin trennte der Verhandlungsführer die Angelegenheit mit dem 'Navi' von den übrigen Anklagepunkten ab. Konnte doch nicht ausgeschlossen werden, dass das Paket irgendwo im Haus des Adressaten hinterlassen worden war, wenn auch nicht bei der Eigentümerin persönlich.

Erst die Androhung des Richters, das Gerichtsverfahren bei weiterem Leugnen des Angeklagten in einen zweiten Durchgang mit der Befragung jeder Menge zusätzlicher Zeugen überzuleiten ('Dann kann es aber scheppern'), bewegte den jungen Mann zur inneren Einkehr: Der wegen anderer Eigentumsdelikte bereits aktenkundige Ex-Bote gestand seine Verfehlungen im letzten Moment ein.

'Kann ich das abarbeiten?'

Er will auch keine Berufung einlegen, zumal der Richter unter dem geforderten Strafmaß der Staatsanwältin blieb. 'Kann ich das auch abarbeiten?', fragte er abschließend kleinlaut. Er wird es vermutlich dürfen.

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