Gegen ruinöses Preisdumping

Obergünzburg-Willofs(bb). - Das tut jedem Bauern in der Seele weh: Milch wegschütten. Dennoch machen dies jetzt Hunderte von Ostallgäuer Bauern. Sie beteiligen sich am bayernweiten Milchboykott und liefern drei Tage lang nichts an die Molkereien. Damit wollen die Milcherzeuger gegen das 'ruinöse Preisdumping der großen Lebensmittelketten' protestieren, wie gestern der Ostallgäuer Kreisobmann des Bauernverbandes, Martin Keller, bei einer Kundgebung im Obergünzburger Ortsteil Willofs schimpfte. Die Szenerie auf dem Hof von Robert Roth in Willofs hatte etwas von einer Beerdigung. Rund 300 Landwirte standen um einen Sarg herum, auf dem in Großbuchstaben der holprige Reim zu lesen war: 'Aldi + Lidl + Co. = Bauern K. O.' Hinter der Menschenmenge hielten Traktoren mit ihren Schaufeln Transparente in die Höhe mit Aufschriften wie 'Der Milchpreis ist ein Skandal' oder 'Jetzt reicht's'. 'Milchprotest - jetzt reicht's', heißt denn auch das Motto der Aktion, zu der die Milcherzeugergemeinschaften im Bayern aufgerufen haben. Der den Bauern gezahlte Milchpreis ist seit 2001 um über 16 Prozent gefallen und liegt derzeit nur noch bei knapp 28 Cent pro Kilo. 'So billig war die Milch seit 27 Jahren nicht mehr', rechnet Keller vor. Wobei die Erzeuger inzwischen draufzahlen würden. Denn laut Keller verursache ein Liter Milch etwa 32 Cent Vollkosten. Im Vorfeld des Milchboykotts wurde der Kreisbäuerin Maria Haußer vorgehalten, man könne doch keine Lebensmittel wegschütten. so etwas gehöre sich noch nicht für einen Christen. 'Aber ist es nicht auch unchristlich, wenn durch die schlechte Bezahlung immer mehr Höfe zumachen müssen?', fragte da gestern Maria Haußer öffentlich zurück. 'Der Streik fällt vielen Landwirten schwer', versicherte die Kreisbäuerin. Aber 'wir müssen das tun, denn wir haben keine Luft mehr.' Die bayerischen Milchbauern boykottieren ihre direkten Abnehmer, die Molkereien. Dabei geht ihre Stoßrichtung jedoch viel weiter. Treffen wollen die Landwirte vor allem die großen Discounter wie Aldi, Lidl oder Metro, die in Deutschland rund 50 Prozent der Milch und Milchprodukte abnehmen - und somit auch den Preis diktieren. In die Pflicht nehmen wollen die Bauern ihre direkten Milchaufkäufer aber schon: 'Die Molkereien haben die Verantwortung bei den Preisverhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel,' hofft der Vorsitzende der Milcherzeugergemeinschaft Allgäu Nord, Paul Mayr (Baisweil), auf Unterstützung. Den 'Schwarzen Peter' beim 'Weißen Gold' will Mayr allerdings nicht allein den Mechanismen der freien Marktwirtschaft zuschieben. 'Auch wir müssen unsere Vorgaben erfüllen', ruft er seinen Landwirtskollegen zu. In der EU herrscht ein Überangebot an Milch. Da könne es nicht angehen, dass ein Bauer mehr erzeuge, als ihm per Quote zustehe: 'Bei der Über-Lieferung müssen wir uns auch selbst am Schopfe packen', mahnt Mayr zur Selbstdisziplin.

'Keine Alternative' Was der Milchpreisverfall unterm Strich an Einbuße für einen Betrieb bedeute, zeigt Robert Roth auf: Er betreibt mit seiner Familie einen reinen Grünlandhof mit 45 Kühen und etlichen Kälbern. Bei gleicher Milchmenge fehlen Roth heuer im Gegensatz zu 2001 rund 17000 Euro an Milchgeld. 'Und eine Alternative zur Milchwirtschaft haben wir hier im Allgäu nicht', gibt Roth zu bedenken. Die gestern auf dem Hof der Roths versammelten Bauern gaben sich kampfeslustig. Einige forderten sogar, den Streik auf 14 Tage auszudehnen. Denn erst über eine so lange Spanne würde sich ein Boykott auch beim Verbraucher und der großen Politik bemerkbar machen. So weit wird es diesmal jedoch wohl nicht kommen. 'Aber es ist auch ganz bestimmt nicht unsere letzte Aktion', deutet Keller weitere Demonstrationen in Sachen Milchgeld an.

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