Fremd, aber wohlklingend

Obergünzburg (gög). - Tief im schwer zugänglichen Westen von Irland, in den dünn besiedelten Landstrichen, die von den englischen Invasoren weitgehend unbehelligt blieben, spricht heute noch eine Minderheit von 50000 Iren gälisch. Gälisch ist die alte Sprache der Iren. Gälisch sind dort die Straßenschilder. Gälisch sind viele der Lieder. Die irische Sängerin Anne Wylie bekennt sich klar zu ihren keltischen Wurzeln. Mit ihrer kleinen Band trägt die Folk-Fee aus Dublin im gut besuchten Obergünzburger Hirschsaal einige Stücke in dieser fremdartigen, doch wohlklingenden Sprache vor. Sie singt von Fischern, die auf den rauen, unberechenbaren Atlantik hinausfahren und tagelang nicht zurückkommen und von der Frau, die ihrem Mann einen diamantenen Ring schenkt, um seine Liebe zu prüfen. Von den Selkies, den Männern der Orkney-Inseln, die ins Meer gehen und zu Seehunden werden. Oder von Aengus, der eine silberne Forelle fängt, die sich in eine wunderschöne Frau verwandelt. So wie in Wylies neuem Lied 'Silver Apples of the Moon', einem vertonten Gedicht von W. B. Yeats. Die irischen Sagen enden meist tragisch.

Die Frau verschwindet im Morgenlicht und Aengus sucht ein Leben lang nach der verlorenen Liebe. Feinsinnige, märchenhafte Lyrik verbindet sich bei Anne Wylie mit alten Melodien und eigenen Kompositionen. Einflüsse aus Jazz, Pop und Ethno spannen die Brücke zur Gegenwart - gerade durch die beiden Begleitmusiker. Florian King und Henrik Mumm spielen seit acht Jahren mit Anne Wylie und bilden den Kern der Band. Im Vordergrund stehen Percussion und Saiteninstrumente. Kings filigrane Läufe an der achtsaitigen irischen Bouzouki, Mumms druckvoll gespielter Fretless Bass und Wylies fein gezupfte akustische Gitarre verweben sich zu einem vielschichtigen und fragilen Netzwerk, das streckenweise fast kammermusikalische Züge annimmt. Keine Fiddle erklingt im Hirschsaal, keine Harfe, kein Akkordeon und auch keine Tin Whistle, wie man es eigentlich bei einem irischen Konzert erwartet. Stattdessen Djembe und Udu aus Westafrika. Dennoch: der Sound ist unverkennbar irisch. Nicht zuletzt durch Wylies Stimme, die mal kristallklar, mal geheimnisvoll gehaucht ein wenig an Kate Bush erinnert. Unterstützt durch zwei kraftvolle Background-Stimmen und untermalt von ihrer elfenhaften Gestik entführt Anne Wylie das Obergünzburger Publikum in ihre irische Heimat. Auf lebendige, doch unaufdringliche Art kommentiert sie in gut verständlichem Deutsch ihre Stücke. 'D&po_156;lam&po_135;n' widmet Wylie der Verarbeitung von Seetang, 'Peata Beag' ist ein fröhliches Kinderlied und in dem getragenen 'Samhradh Samhradh' besingt sie den kühlen irischen Sommer. Dem unbeständigen Wetter Irlands ist die Sängerin seit vielen Jahren entflohen. Nun wohnt Anne Wylie im schwäbischen Bietigheim-Bissingen. Die gälische Sprache und keltische Sagen leben jedoch weiter in ihrer Musik.

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