Bad Grönenbach
Flucht vor den Grübeleien

In der besinnlichsten Zeit des Jahres ist der Schmerz am größten. Warum ausgerechnet wir? Wieder und wieder schafft es diese Frage ins Bewusstsein; lässt sich nicht ausblenden; eine Antwort gibt es nie. An Weihnachten kommt für Andrea (40) und Michael Fleck (38) aus Aschaffenburg (Unterfranken) alles zusammen, sagen sie: Das beginnt bei der Geschenkeauswahl für ihren 16-jährigen Sohn Tobias und hört mit quälenden Grübeleien auf. Tobias wird nie sein wie andere. Er ist krank. Unheilbar krank. Um dem Alleinsein und den dunklen Löchern zu entgehen, die sich über die Festtage in den Köpfen der Eltern auftun, feiern die Flecks heuer Weihnachten zum zweiten Mal im Kinderhospiz St. Nikolaus in Bad Grönenbach.

«Dort treffen wir Leute, die alle ähnliche Probleme haben», sagt Michael Fleck. In der Gemeinschaft, unter Gleichgesinnten denke man nicht so viel über das eigene Schicksal nach. Abends, bei einem Gläschen Wein im Aufenthaltsraum, könne er abschalten. Dort, wo Eltern und Geschwister miteinander reden, lachen, spielen und weinen. So wird es auch heute am Heiligen Abend sein. Bereits am Vormittag kommen die sieben Familien zusammen, um den Christbaum zu schmücken; abends essen und bescheren sie gemeinsam.

Diagnose: Leukämie

Tobias ist gerade zwei Jahre alt, als für die Flecks eine Welt zusammenbricht. Diagnose: Leukämie. Der kleine Bub fällt ins Wachkoma. «Vermutlich war es die Bestrahlung», sagt Andrea Fleck und gibt das wieder, was sie und ihr Mann als Erklärung von den Ärzten hören.

Hirnwasser kann nicht abfließen, der Druck im Kopf steigt; Gehirnzellen sind irreparabel zerstört. Zwölf lange Jahre später wacht Tobias wieder auf. Mittlerweile hat er zusätzlich eine Skoliose - eine Seitverbiegung der Wirbelsäule, die Wirbel sind gleichzeitig verdreht. Unzählige Spastiken (Krämpfe) haben die Kniescheiben des Jugendlichen verschoben.

Wickeln, Medikamente geben, Schmusen: Tobias fordert die ganze Aufmerksamkeit seiner Eltern. «Du baust deinen kompletten Tag um die kranke Person auf», sagt Michael Fleck. «Was Pflegepersonal in drei oder vier Schichten am Tag leistet, mache ich allein», erklärt Andrea Fleck. Der Aufenthalt im Kinderhospiz bedeutet Entlastung. Dort kümmern sich Schwestern, Pfleger und Therapeuten um all das, was das Ehepaar sonst zu stemmen hat.

Ausflüge mit Tobias Schwester Jasmin (11) sind möglich und manchmal tut es gut, einfach nur nach Luft schnappen zu können.

Um selber nicht «kaputtzugehen», haben sich die Flecks ihren Humor bewahrt - Galgenhumor, wie Andrea Fleck ihn nennt. Tobias kann nicht essen. Er wird künstlich ernährt; Schläuche führen direkt in seinen Magen. Manchmal schaut einer unter der Kleidung hervor. Michael Fleck fragt dann gern scherzhaft, was es heute bei Tobias zu essen gibt. «Man muss auch mal lachen können», findet seine Frau.

Auch Tobias lacht, wenn es ihm gut geht, und er weint oder schreit, wenn ihm etwas nicht passt. Sprechen kann er nicht. Aber in vielen Dingen sei er wie jeder junge Mann in der Pubertät. «Bart und Brusthaar sprießen», sagt Papa Michael nicht ohne Stolz.

«Und als sich die Mädels an seiner Schule mit Kussi hier, Kussi da vor den Ferien von ihm verabschieden, sitzt er im Rollstuhl und grinst sich einen ab - er kriegt alles mit», sagt er.

Manchmal kann Tobias ein ziemlicher Dickkopf sein. Papa Michael schenkt seinem Sprössling deshalb heute Abend etwas Besonderes: ein T-Shirt mit der Aufschrift «Männliche Zicke». Damit ist zumindest die Geschenkefrage in diesem Jahr geklärt. Die Grübeleien aber bleiben.

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