Kaufbeuren
Fantastisches eröffnet neue Blicke auf Realität

Im Notfall liegt da noch ein Leitzordner mit Interpretationsansätzen in der Mitte der Galerie im Kaufbeurer Podium, aber nur im Notfall. Vor allem sollten die Betrachter der Schau von Helmut Toischer seine fantastischen Bilder einfach auf sich wirken lassen, auf lockere Entdeckungsreise nach Antworten und Botschaften gehen. Denn dem Ehrgeiz, die bunte, surrealistische und detailverliebte Welt des Kaufbeurer Künstlers und Kunstpädagogen bis ins Letzte auszudeuten, dürfte wenig Erfolg und schon gar kein Vergnügen beschieden sein.

Das heißt aber nicht, dass der Fantastische Realismus in den Bildern Toischers nur mehr oder weniger schöne Fantasiewelten wiedergibt. Die realistische Komponente bahnt sich nicht nur malerisch immer wieder ihren Weg zum Betrachter - wenn auch oft auf Umwegen. Der große rostrote Keil, der da im Wüstensand steckt, offenbart sich erst allmählich als überzeichneter Flugzeugträger-Rumpf. Damit bekommen auch die Kampfjets, die ihn umschwirren, einen Sinn, die Wüstenlandschaft wird urplötzlich zum Irak. Der Golfkrieg, wie ihn Toischer sah, und dass er die amerikanische Sicht der Dinge in Sachen Weltpolitik nicht teilt, macht ein bemaltes Straußenei gleich daneben klar: Auf dem «G.W. Bush Kriegsei» ist eine Friedenstaube an ein Kreuz genagelt.

Macht, das ist auch das bestimmende Thema von Toischers «Schachbilder». Schachfiguren erwachen auf dem Brett zum Leben, nehmen unangenehme menschliche Züge an und spielen ihren Vorteile gnadenlos aus. Dagegen wirkt «Der Sensationsjournalismus im Menschenmeer» fast bemitleidenswert. Eine fragile, aus diversen einschlägigen Blättern bestehende Ruderergestalt müht sich in einem kleinen Boot durch die raue See. «Sintflut» ist auf einem der teilweise übermalten Zeitungsfetzen, mit denen der Bilderrahmen verziert ist, zu lesen.

Auf anderen Bildern werden riesige Zitronen von einen Gebirgsbach hinunter triftenden Baumstämmen ausgepresst oder nicht minder große Äpfel liegen in einer Kulturlandschaft und brennen lichterloh, der Titel: «Bratäpfel». So lauert nahezu immer in den farbenfrohen, technisch sehr anspruchsvollen Bildern irgendwo etwas Surreales, ein Appell, zumindest aber eine Andeutung.

Gerade will man sich gesättigt etwa von einem Erinnerungsbild an Michael Jackson abwenden, da verleiht eine winzige Andeutung an die «Toteninsel» Arnold Böcklins der Darstellung eine ganz neue Dimension. Selbst Toischers bemalte Bierdeckel mit ihren ähnlich tiefen, dazu aber miniaturhaft verdichteten Sujets spotten geradezu der Banalität des Malgrundes.

Wer sich auf diese Weise durch die gut 60 im Podium ausgestellten Werke treiben hat lassen, findet bei einigen ganz frühen, noch suchenden Werken und einigen wohltuend simplen Landschaftsbildern Erholung. Der Leitzordner bleibt aber wahrscheinlich liegen.

Martin Frei

Die Ausstellung in der Galerie des Podium ist noch bis zum 26. Februar zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 9 bis 13 Uhr, bei Veranstaltungen von 19 bis 23 Uhr.

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