Altstädten
Einen Schlüssel zur Fantasie finden

«Eigentlich wollte ich Volksschullehrerin werden» - doch das Schicksal hatte für Almut Neubecker einen anderen Weg vorgesehen. Und so machte sich die sprachbegabte Altstädterin 1990 daran, eine Leidenschaft zur Profession zu führen, die sie seit frühen Kindertagen nicht mehr losgelassen hatte: Das Märchen. Bis heute hütet sie ihr erstes Märchenbuch wie ein Schatzkästchen, das die Erinnerung an unzählige Stunden in der Welt der Mythen und Geschichten birgt.

Tee und Stollen stehen auf dem Tisch, eine Salzkristallleuchte verbreitet ein warmes, gedämpftes Licht. Die gesammelten Steine geben dem Raum eine besondere Note. «Märchen faszinieren Jung und Alt», weiß die Märchenerzählerin, die seit mittlerweile zehn Jahren im ganzen Allgäu unterwegs ist, um ihre große Zuhörerschaft in fremde Welten und immer wieder zu sich selbst zu führen. «Alle Figuren des Volksmärchens finden sich in gewissen Anteilen auch in der Person des Hörers und Erzählers wieder. Das Märchen als Ganzes kann als Psychogramm des Menschen gesehen werden».

Diese wissenschaftlichen Theorien interessieren die vielen Kinder freilich wenig, denen Almut Neubecker ihre Märchen mit sorgsam gewähltem Wort nahebringt. «Kindern ein Märchen und seine Funktion zu erklären, ist niemals nötig. Sie erschaffen in ihrer Fantasie ihre ganz persönliche Märchenlandschaft, sie verarbeiten Bekanntes und Erlebtes und ziehen daraus spielerisch Konsequenzen für ihr eigenes Handeln», ist sich die Märchenerzählerin sicher.

Überlastet von vielen Eindrücken

Heutzutage sei es nicht immer leicht für die Kinder, den Schlüssel zur eigenen Fantasie zu finden. Viel zu überlastet seien die Köpfe von den vielen Sinneseindrücken, die auf die junge, reifende Psyche einwirken.

Fernseher, Computer und Spielkonsole leisteten einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu, dass Kinder in ihrer Sprachentwicklung empfindlich gestört würden, mehr noch, dass sich die assoziativen Fähigkeiten nicht vollends entfalten könnten.

Und doch macht Almut Neubecker immer wieder die Erfahrung, dass auch die lebhaftesten Jungen und Mädchen in kurzer Zeit von der Faszination der Märchen erfasst werden und gebannt den Geschichten lauschen. Mehr als 150 hat sie inzwischen im Repertoire und immer wieder kommen neue hinzu; Volksmärchen, wie Almut Neubecker betont, denn den lyrischen Erzählungen des 19.

Jahrhunderts, von Autoren verfasst und zur Kunstform erhoben, kann sie nicht so viel abgewinnen wie den Jahrhunderte alten Erzählungen, wie sie von den Brüdern Grimm gesammelt wurden. Sprachkunst seien diese Aufzeichnungen zwar auch, überlegt die Märchenexpertin bei einer zweiten Tasse Tee im heimeligen Wohnzimmer, aber erst durch den improvisierten Vortrag gewinne eine Szene an Leben. «Aus meinen geistigen Bildern entsteht die Geschichte jedes Mal neu.» Eine zentrale Rolle spielt für sie immer wieder die Geste des menschlichen Umgangs. Dank, Mitleid und Fürsorge - Herzenskräfte, wie sie es nennt - werden hervorgehoben und so in einfachen Bildern den Zuhörern begreiflich gemacht.

Vorstellung nicht manipulieren

Auch Fürchterliches und Erschreckendes - die Linien zwischen Schwarz und Weiß sind stets messerscharf gezogen - bergen die Märchen, was viele besorgte Eltern oft die Begegnung mit den Geschichten erschwert. Almut Neubecker hat in den vielen Jahren ihres Schaffens jedoch die Erkenntnis gewonnen, dass die Fantasie der Kinder den bösen Hexen und Kobolden nur so weit Gestalt verleiht, wie es das kindliche Gemüt zulässt. «Ein Grund mehr, Märchenbücher nicht überreich zu illustrieren, um die Vorstellungskraft der Jungen und Mädchen nicht zu manipulieren und um Szenen nicht drastischer darzustellen, als sie ihr junger Geist selbst gemalt hätte.» Schon ist über eine Stunde vergangen. Der Tee ist getrunken, der Stollen gegessen. Selbst im Dialog fasziniert die Märchenerzählerin, die auch bei ihren Veranstaltungen stets auf das passende Ambiente achtet.

Bei allem, was auf die Gemüter in heutiger Zeit einprasselt, so kann von einer Renaissance des Märchens nicht gesprochen werden, denn es war nie verschwunden und ein Griff ins Bücherregal kann die einstige Fantasiewelt wieder zurückbringen. Ein lohnendes Experiment in der hektischen Adventszeit.

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