Eine Stimme? Ein Gesamtkunstwerk!

Von Eva-Maria Frieder, Mindelheim - Schon Wochen vorher war das Konzert mit der portugiesischen Sängerin Maria Jo&po_139;o und ihrem Komponisten und Begleiter am Piano, M&po_135;rio Laginha, ausverkauft. Im Internet wurden Eintrittskarten auf dem Schwarzmarkt für 200 Euro angeboten. Wer das Glück hatte, bei den Mindelheimer Jazztagen diese Sternstunde miterleben zu dürfen, wird sie so schnell nicht vergessen. Maria Jo&po_139;o erschließt mit ihrer Kunst neue Welten. Sie ist ihrer Zeit voraus. Die Frage drängt sich auf, inwieweit man als Zuhörer eigentlich überhaupt schon so weit ist, diese neue Dimension des künstlerischen Ausdrucks in seiner ganzen Bedeutung und Tiefe erfassen zu können. Aber sei dem, wie ihm wolle - in Mindelheim riss das Duo das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Die beiden kamen direkt aus Portugal, wo sie am Vorabend einen Auftritt hatten. Sie sind nicht auf Tournee, sondern kamen eigens zum Festival nach Mindelheim, wo sie 1999 in etwas erweiterter Besetzung bereits Erfolge feierten. Maria Jo&po_139;o betrat die Bühne des Stadttheaters in mörderisch hohen Absätzen, die aber nur bis zum Ende des ersten Liedes an ihren Füßen blieben. Den Rest des Konzerts standen sie unbeachtet, aber sehr vielsagend am Rand, und die Füße und Zehen der Sängerin hatten alle Bewegungsfreiheit, die sie zum Tanzen brauchten. Maria Jo&po_139;os Wandlungsfähigkeit ist verblüffend. In Mindelheim trat sie als kleines Mädchen auf mit kurz geschnittenem Pony, Pippi-Langstrumpf-Frisur und einem eigenwilligen schwarzweißen Knitter-Outfit, dessen Rock an einen etwas unförmigen Mehlsack erinnerte.

Sie ist die Frau, die so etwas tragen kann, ohne an Schönheit einzubüßen. Vom ersten strahlenden Lächeln bis zur letzten Zugabe vibrierte sie vor Leben und Vitalität, verströmte eine derart unwiderstehlich gute Laune, Fröhlichkeit und Lebensfreude, dass im Nu der ganze Saal damit angesteckt war. Diese intensive Ausstrahlung gehört untrennbar zu ihrer Kunst, die mehr ist als Gesangskunst, mehr als Stimme - diese Frau ist ein Gesamtkunstwerk. Ihre Hände und Füße, ihr ganzer Körper ist am Gesang beteiligt, macht die Kapriolen der Stimme mit. Die zahllosen Klangfarben, die unvorstellbare Beweglichkeit dieser Stimme teilen sich der Mimik und dem Körper mit. Oder ist es umgekehrt? Ohne Übergang springt sie von hell zu dunkel, von schrill zu zart, vom Schrei zum Hauch, vom lang gezogenen Ruf zum Prestissimo-Stakkato. Man steht einfach fassungslos vor diesem Phänomen, vor dieser schier grenzenlosen Ausdruckskraft, die gepaart ist mit geschmeidiger, scheinbar unbekümmert-verspielter Leichtigkeit. Da wird ein Fado-Gesang unversehens zur Jazzballade, ein Beatles-Song entfaltet wunderschöne Harmonien, an Tom Waits entdeckt man unvermutet lyrische Seiten Beim Scat-Gesang - einer Technik, bei der mit sinnleeren Silben eine Melodie improvisiert wird - geht sie an schier wahnwitzige Grenzen. Sie hechelt und grunzt, schnalzt, gurrt, knurrt, knarzt und kiekst, sie stöhnt und wispert in Intervallen und einem Tempo, dass einem schon vom Zuhören so schwindlig wird, als säße man in einer Achterbahn. Sie benutzt ihren Atem perkussiv, zieht Register, als hätte sie Orgelpfeifen im Kopf und klingt bisweilen wie ein ganzes a-cappella-Ensemble. Völlig ungezwungen bewegt sie sich auf der Bühne, schreitet und hüpft, stolziert und stampft, schwebt und tänzelt. Breiten Raum lässt sie ihrem Pianisten M&po_135;rio Laginha, der auch die Lieder für sie schreibt, betont mehrfach: 'Wir sind eine Einheit, wir gehören zusammen!'

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