Eine Orchidee für den blauen Engel

Von Alexander Vuko Kaufbeuren - Warum aus der Gürtelschnalle in Jahrzehnten eine 'Brosche' wurde - keiner weiß es. Die Zeit hat viele Spuren verwischt. Spuren der großen Marlene Dietrich, der 1930 mit dem Film 'Der Blaue Engel' der Durchbruch gelang. Spuren, die sie einst in Kaufbeuren, der Heimat ihrer Schwiegereltern, hinterlassen hat und die mit der Geschichte der 'Brosche' wieder ein klein wenig sichtbar werden. Das Schmuckstück hatte der 1991 gestorbene Max Müller für die Schauspielerin entworfen. Der Unternehmer, Konzertpianist und Orchideenzüchter war in den 50er- und 60er Jahren einer der großen Namen der internationalen Modeschmuckindustrie und der einzige Neugablonzer Designer, der eine eigene, unverwechselbare Handschrift in seinen Werken gezeigt hat. Seinen Schmuck trug Sophia Loren bei ihrer Hochzeit mit Carlo Ponti. Für Marlene Dietrich entwarf er 1960 ein Schmuckstück, das noch heute ihren Namen trägt. Im Standardwerk der deutschen Modeschmuckindustrie 'Mode und Modeschmuck 1920 - 1970' wird die Orchidee als 'Brosche' bezeichnet; ebenso im Isergebirgsmuseum in Neugablonz, wo sie ausgestellt wird. Dabei ist sie viel zu groß und zu schwer, um an einer Bluse getragen zu werden, und hat keine Mechanik an der Rückseite.

'Tante Marlene' Hat die Dietrich die Gürtelschnalle je getragen, befindet sich das Original im Museum? In der Kaufbeurer Altstadt betreiben Ute Zech-Utz und ihr Mann ein Pelzgeschäft. Fragen zum Schmuckstück, zur Beziehung des Designers Max Müller zu der Diva vermag auch sie nicht beantworten, obwohl sie einst 'Tante Marlene' zu der Schauspielerin sagte. 'Sie hatte eigentlich nichts mit Kaufbeuren zu tun', sagt sie. Nur ein Zweistunden-Besuch, ein Schmuckstück und die Verwandtschaft verbinden die Diva mit der Wertachstadt. Ute Zech-Utz ist die Enkelin von Anton und Rosa Sieber, den Schwiegereltern der Dietrich, und die Tochter von Ernst und Lucia Sieber. Die Geschichte der Siebers aus Aussig im Sudetenland ist die Geschichte vieler tausend Flüchtlinge. Ernst Sieber, seine Eltern Anton und Rosa ließen sich in Kaufbeuren und Neugablonz nieder, wo der Sohn die ehemalige Gablonzer Exportfirma Hugo Dahm wieder aufbaute, die er später mit Erich Rößler leitete. Sein Bruder Rudolf hatte die Dietrich bereits 1923 geheiratet und gilt als ihr Entdecker. Beide trennten sich früh, der Regisseur blieb aber bis an sein Lebensende ihr Ehemann. Vater Anton indes hatte mit der Gablonzer Industrie nichts zu tun. 'Er war Beamter', sagt seine Enkelin. Die Begeisterung der Dietrich für den Neugablonzer Schmuck muss also sein Sohn Ernst geweckt haben.

'Inspiration aus Gewächshaus' Ernst Sieber vertrieb von Neugablonz aus auch die Kollektion von Max Müller. 'Dieser Mann holte sich die Inspiration für seine sensationelle Schmuckrichtung aus dem Gewächshaus', sagt Hans-Jürgen Peter heute, der 1988 mit seiner Wilhelm Kamp Gmb H Müllers Firma und die Schmucklinie übernahm. 'So dürfte der Kontakt zwischen der Dietrich, Sieber und Müller hergestellt worden sein', so der Historiker Manfred Heerdegen, der das Archiv des Neugablonzer Industrie- und Schmuckvereins betreut. Die Gürtelschnalle, für deren Anprobe sich Max Müller mit der Dietrich getroffen haben soll und für deren Herstellung er sechs Wochen brauchte, beschreibt Peter als 'lampengewickelte Steine mit echter Gold- und Silbereinlage'. Für Heerdegen ist Ort und Zeit der Anprobe und später Übergabe an den Star ungeklärt. 'Marlene Dietrich war nach einem Konzert in München zwei Stunden in Kaufbeuren', sagt Ute Zech-Utz. Ein Besuch bei der kranken Schwiegermutter, ein Mittagessen im 'Goldenen Hirsch' - da blieb nicht viel Zeit. Es war zudem ihr einziger Besuch in Kaufbeuren. Heute erinnert nur noch die 'Brosche' im Isergebirgsmuseum an den Glanz, den der wohl größte deutsche Filmstar ins Allgäu gebracht hatte. Doch auch hier verwischen die Spuren. 'Es gibt keine Zeitzeugen', sagt Susanne Rössler, das Neugablonzer Urgestein. 'Sicher ist, dass wir die Gürtelschnalle für das Isergebirgsmuseum damals nicht von ihr oder ihren Verwandten bekommen haben, eher von Max Müller.' Wie aber ist der Künstler selbst wieder an sein Werk gelangt? Oder ist es eine Replik? Überliefert ist, dass Müller mehrere Orchideen hergestellt hat. Und nur eine war für Marlene Dietrich bestimmt.

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