Eine Landschaft wird kapitalisiert

Füssen/Ostallgäu (oss). - Anfang kommender Woche tritt in München der Landtag zusammen, um über die geplante Reform der Staatsforstverwaltung zu beraten und zu beschließen. Werden die bisher bekannt gewordenen Pläne realisiert, wird die Forstverwaltung zerschlagen und in eine Art Forstbetriebs-AG umgewandelt. Auf Einladung des Füssener SPD diskutierten Experten aus Naturschutz, Forsten und des Alpenvereins über die damit verbundenen Folgen für Wald, Landschaft und Menschen. Als 'Vernichtungsfeldzug gegen den Wald' bezeichnete Füssens Forstdirektor Robert Berchtold die Forstreform. In dieselbe Richtung gingen die Aussagen, die Martin Kainz (Forstamt), Walter Hundhammer (Bund Naturschutz) und Peter Nasemann (Alpenverein) in der von SPD-Vorsitzendem Paul Iacob moderierten Runde machten. Glaubenskrieg um oder Vernichtungsfeldzug gegen den Wald - so sehen die unterschiedlichen Auffassungen von Politik und Betroffenen aus. Rund ein Zehntel der Staatsfläche unterstehen der Staatsforstverwaltung (ein Drittel Bayerns ist Wald), die neben hoheitlichen Aufgaben als Behörde die Betreuung, Beratung und bereits jetzt die Nutzung der Forsten übernimmt, wie Berchtold erläuterte. Allein im Landkreis Ostallgäu ist sie für 12000 Waldbesitzer mit Körperschafts-, Kommunal- und Privatwäldern zuständig. Dazu kommen noch Aufgaben des Waldes als Schutz und Erholungsgebiet sowie Dienstleistungen für Waldbesitzer.

'Bis zum Herbst haben etwa 40 hochmotivierte Mitarbeiter im Forstamt Füssen diese Aufgaben erfüllt', so Berchtold - bis die Pläne aus München bekannt wurden. Doch während man in München die Diskussion darüber als Glaubenskrieg abtue, so Berchtold, herrschen vor Ort konkrete Befürchtungen: So müsste eine etwaige Forstverwaltungs-AG nach rein ökonomischen Gesichtspunkten eine Bewirtschaftung des Waldes vornehmen, sagte Kainz. Naturnahe Mischwälder, die Sturmereignissen trotzen und als Schutzwald im Gebirge Lawinen standhalten, würden rasch leichter (maschinen-)nutzbaren, naturfernen Monokulturen weichen. Ist der Wald abgeerntet und keine andere Nutzung mehr möglich, würde er an Jagden verpachtet oder verkauft, wie man es bereits in Österreich sehen könne. Dort wird seit etwa sieben Jahren im Bundesforst nach finanziellen Aspekten 'gehaust': Kahlschläge, die eher an Katastrophen erinnerten, seien dort vielfach zu beobachten, so Kainz. Gestrichen hat die Regierung bereits die Schutzwaldzuschüsse. Doch fehlt diese Unterstützung, sinkt auch das Interesse am Wald rasch, notwendige Arbeiten werden nicht mehr ausgeführt und die Kapitalisierung des Waldes vorgezogen. In unzugänglichem Gebiet verwildert der Wald, weil hier die Arbeit unrentabel wird. Ein Albtraum, der auch Peter Nasemann vom DAV umtreibt. So sieht Nasemann die Gefahr, dass die Kapitalisierung des Waldes ein Betretungsverbot nach sich ziehen könnte. Bislang, so Nasemann, war Bayern mit seiner Verwaltungsform europaweit ein Musterbeispiel und Vorbild. Doch bald sei man neben Baden-Württemberg und den Niederlanden das einzige Land Europas ohne Forstverwaltung.

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