Bad Hindelang
Ein Weltbürger schafft Portraits in acht Minuten

Er spielte Flöte, obwohl er nie zuvor ein derartiges Instrument in der Hand gehabt hatte, er turnte im Garten und malte die Bilderbücher aus: Für die kleine Maria Zillibiller und ihre Geschwister «war er wunderbar». Maria, inzwischen verehelichte Blanz und 83, erinnert sich gern an den neun Jahre älteren Jugendgefährten Christian Modersohn. Beider Eltern waren befreundet, die Kinder spielten zusammen. «Er war wie ein großer Bruder», blickt Blanz in ihre Kindheit zurück. Heiligabend 2009 starb der Maler, lange Jahre in Bad Hindelang ansässig, zwei Monate nach seinem 93. Geburtstag.

«Setz dich mal schnell hin», habe er oft zu ihr gesagt, erzählt Blanz. Und dann habe er sie porträtiert, «in acht Minuten». Auch in späteren Jahren war Modersohn, Sohn des Worpsweder Landschaftsmalers Otto Modersohn und dessen dritter Frau Louise Breling, äußerst schnell mit dem Zeichenstift. «Aus dem Handgelenk» habe er kleine Bilder skizziert, hat Altbürgermeister Roman Haug den Künstler live erlebt. Bei einem Fest habe er sich im Gästebuch der Gemeinde verewigt, mit einer Brücke, die symbolisch den Bogen zwischen dem Allgäu und seinem späteren Wohnort Fischerhude spannen sollte.

Der Mittfünfziger hatte bereits über seinen Onkel Thomas Haug von dem Aquarellisten gehört, bevor er ihn persönlich kennenlernte. Der Onkel habe auch gemalt und von Modersohn «wichtige Impulse» für seine Arbeiten erfahren. Bei einem von ihm initiierten Künstlerfest begegnete Roman Haug erstmals dem bekannten Maler und war «sehr beeindruckt»: «Er war wirklich eine Persönlichkeit mit Charisma.» Modersohn habe viele internationale Kontakte gehabt und viele Geschichten gewusst - «er hat die Menschen in seinen Bann gezogen».

«Aufgeschlossen für alles Neue»

Das kann sein Neffe, der Vorderhindelanger Maler Kilian Lipp (56), nur bestätigen. Modersohn, der 1947 seine Tante Anna Lipp heiratete, habe sehr viel erzählt, über die Kunst, über Dichtung und Musik: «sehr spannend, sehr fundiert». Lipp: «Er war ein sehr belesener Mensch.» Und er sei offen und tolerant gewesen, «sehr aufgeschlossen allem Neuen gegenüber». Hat der Onkel seine Malerei beeinflusst? Lipp verneint. Modersohn sei eine andere Generation gewesen, habe andere Sujets gehabt, sich im Gegensatz zu ihm vornehmlich der Aquarelltechnik bedient.

«Aber er war sehr interessiert an meiner Arbeit», berichtet Kilian Lipp. «Er war sehr kritisch, aber auch sehr wohlwollend.» Lipp hatte als Zwanzigjähriger einen Sommer lang bei Christian Modersohn ein Praktikum in Fischerhude absolviert, bevor er Design studierte. Der Kontakt zum Onkel sei nie abgerissen, man habe sich mehrmals im Jahr gesehen. Auch Altbürgermeister Haug hatte die Verbindung zu dem Künstler aufrecht erhalten. Zwei Mal sei er in Fischerhude gewesen und habe jedes Mal den «Weltbürger» bewundert: Er habe ihn «oben voll integriert erlebt», in Bad Hindelang habe er genauso unverkrampft «Dialekt geschwätzt und die Harmonie gespielt».

Jugendfreundin Maria Blanz, Tochter des damaligen bayerischen Landtagsabgeordneten Max Zillibiller, hat ebenfalls stets «einen Draht» zu Modersohn gehabt. «Immer, wenn er in Hindelang war, haben wir uns getroffen.» Er habe ihre Kinder porträtiert und mit ihr Kaffee getrunken. Die Gespräche drehten sich um die früheren Zeiten, als auch die Zillibiller-Kinder häufig zu Gast auf dem Gailenberg waren, wo Christian mit der Mutter zu Hause war. Louise Breling hat Maria Blanz als Künstlerin in Erinnerung, nicht so sehr als «großartige Hausfrau». Die 83-Jährige schmunzelt: «Für uns Kinder war das toll. Wir mussten uns nicht so oft waschen. Eine schöne Zeit!»

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