Ein Urlaub, der ins Wasser gefallen ist

Von Thilo Jörgl Marktoberdorf/Augsburg - Auf diese acht Tage im Sommer 2002 hat sich Marco Fischer aus Marktoberdorf gefreut. Endlich Urlaub, endlich ausspannen. Mit seinem Freund Markus beschloss der gebürtige Berliner Marco Fischer, der seit vier Jahren bei AGCO/Fendt als Industriemechaniker arbeitet, damals eine Woche im sächsischen Meißen zu verbringen. Beim Großvater von Markus. In der Porzellanstadt wollten sie ausgehen, am Elbufer ein Bierchen trinken.

Dauerregen und eine Flutwelle Doch dann kam alles anders. Kaum hatten die beiden und Markus' Freundin die Gartenlaube des Großvaters bezogen, begann es zu regnen. Und es hörte nicht mehr auf. Tagelang. Und dann schoss aus Tschechien kommend eine Flutwelle die Elbe entlang, die später als 'Jahrhundertflut' in die sächsische Geschichte einging. Das Trio musste wegen des Hochwassers die Laube verlassen und zog ins Haus des Großvaters ein. Und dass Wasser stieg. 'Knapp einen Meter war der ganze Keller überschwemmt', erinnert sich der 20-jährige Marco im Nachhinein. Nach Party war dem Trio nicht mehr zu Mute. Ohne zu zögern halfen sie dem Großvater, den Keller leer zu pumpen. Zuerst mit einer Elektorpumpe, dann aufgrund eines Stromausfalls mit Eimern. Vier Tage lang standen die drei mit feuchten Füßen in nassen Kellern. Nicht nur beim Großvater, auch bei Nachbarn. Für ihr unentgeltliches Engagement wurden die drei von den Nachbarn für den 'Sächsischen Flutopfer-Orden 2002' vorgeschlagen. Markus und seine Freundin erhielten die Auszeichnung im Herbst in Berlin. Marco Fischer hat den Orden gestern - zusammen mit zwei Dutzende anderen Helfern aus dem Bezirk Schwaben - als einziger Ostallgäuer aus der Hand von Regierungspräsident Ludwig Schmid in Augsburg verliehen bekommen. Wenn der blonde junge Mann an den Urlaub - der gar keiner war - vor zwei Jahren denkt, schaudert es ihn immer noch. 'So ein Hochwasser habe ich noch nie gesehen', erzählt er. Die ganze Innenstadt von Meißen sei ein einziger See gewesen. Die braune Brühe war überall, drückt über die Kanalisation in die Keller rein. Zwölf Stunden haben die jungen Leute pro Tag gearbeitet. Mit Eimern Keller ausgeschöpft, mit Schaufeln Sandsäcke gefüllt. Ob er beim Schöpfen jemals daran gedacht hat, seine Sachen zu packen und wieder ins Allgäu zu reisen? 'Nein', winkt er ab 'kein einziges Mal.' Anfangs seien sie regelrecht in der Stadt gefangen gewesen. Die meisten Straßen seien mit dem Auto nicht befahrbar gewesen, sagt er. Und als das Wasser gesunken war, wollten sie nicht mehr fahren. 'Die Nachbarn waren alle sehr froh, dass wir geholfen haben.' Erst nach acht Tagen fuhren die drei erschöpft ins Trockene - nach Berlin. Dort erholte sich Marco Fischer einige Tage bei seinem Freund Markus. Viel Aufhebens will Marco Fischer um den Orden gar nicht machen. 'Für mich war es selbstverständlich zu helfen. Dass ich dafür mal einen Orden bekomme, hätte ich nie gedacht.' Dass er jetzt in der Öffentlichkeit steht, passt ihm eigentlich nicht. 'Obwohl', sagt er etwas zögerlich, 'vielleicht ist es ganz gut. Dann revidieren vielleicht ein paar Erwachsene ihr Vorurteil, dass die Jugend nur Party macht und zu kaum etwas zu gebrauchen ist.' Seinen Orden zur Schau stellen, gar mit Orden und geschwellter Brust durch die Innenstadt laufen, will Marco Fischer nicht. 'Für den Orden habe ich schon einen Platz. Hinten im Schrank. Und da bleibt er auch.'

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