Allgäu
Ein sprechender Computer hilft

Kaufbeuren Das Telefon läutet. Christina Niehues drückt auf einen Knopf auf ihrem Kopfhörer. Der Telefonhörer wird durch eine Vorrichtung mechanisch nach oben gedrückt. «Grüß Gott, Bayerisches Rotes Kreuz Kaufbeuren, Niehues am Apparat», spricht sie freundlich in das kleine Mikrofon, das an ihrem Kopfhörer angebracht ist. Niehues, die als Telefonistin beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Kaufbeuren arbeitet, nimmt zum Telefonieren nicht den Hörer ab. Sie ist blind.

An diesem Vormittag ist Niehues nicht allein in ihrem Arbeitszimmer. Sieben Pfadfinderinnen und Pfadfinder stehen neben ihr und schauen ihr beim Arbeiten zu. «Ich dachte mir: Es ist für die Jugendlichen bestimmt interessant zu erfahren, wie eine Sehbehinderte arbeitet», erklärt Gerda Schmiedle, Stammesführerin der Seeschwalben, die dem Bund der Pfadfinder in Kaufbeuren angehören. So erfahren die Jungen und Mädchen, dass Christina Niehues mit einem Computer arbeitet, den sie mit einer speziellen Tastatur mit Bindenschrift bedient. «Der Computer spricht auch mit mir», erzählt die blinde Telefonistin. Sie gibt einen Namen ein, und tatsächlich: Der Computer spricht ihr vor, was sie geschrieben hat.

Nach Unfall Wochen im Koma

Den Pfadfindern zeigt sie einen kleinen Stenografen, auf dem sie Notizen während ihrer Telefonate tippt. Auch eine Schreibmaschine steht auf ihrem Schreibtisch. Auf beiden Geräten schreibt sie mit Blindenschrift. Übrig bleibt noch ein kleiner Kasten: Dort bewahrt Niehues Karteikarten auf, auf denen sie wichtige Telefonnummern und Adressen findet - natürlich ebenfalls in Blindenschrift. Die musste Christina Niehues erst mühsam erlernen. «Ich war nicht von Geburt an blind», verrät sie und erzählt den Pfadfindern von ihrem Schicksal: Mit 22 Jahren erlitt sie bei einem schweren Autounfall einen Schädel-Basis-Bruch. Sechs Wochen lag sie im Koma. Bereits kurz nach dem Unfall erfuhren ihre Eltern, dass ihre Tochter für immer blind sein wird. «Für meinen Vater und meine Mutter war es ein richtiger Schock. Sie konnten es gar nicht glauben», sagt Niehues.

In zwei Rehabilitationszentren (Reha) in Düren (Nordrhein-Westfalen) und Würzburg lernte sie die Blindenschrift und den Umgang mit dem Computer. Sie besuchte auch ein Mobilitätstraining, bei dem sie unter anderem übte, im Alltag mit einem Blindenstock zurechtzukommen.

In der Reha ließ sie sich auch zur Telefonistin ausbilden. In dieser Funktion konnte sie für eine gewisse Zeit bei einer Kaufbeurer Firma arbeiten, bis sie eine Halbtagsstelle als Telefonistin beim BRK annahm. «Das mache ich nun schon seit etwa zwölf Jahren», erzählt Niehues. Und ihr Beruf erfüllt die Sehbehinderte: Anrufer nicht nur schnell weiterzuverbinden, sondern einfach auch zu fragen, wie es ihnen geht, mache den Reiz aus. Die Kaufbeurer Pfadfinder wollen von ihr auch wissen, wie sie im Alltag zurechtkommt.

«Mein Mann begleitet mich oft in die Stadt und kocht», erzählt die Telefonistin. So komme sie gut zurecht. «Wie wissen Sie zum Beispiel, was Sie essen?», fragt Sophia (13). Christina Niehues lacht. «Das schmecke ich schon», versichert sie.

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