Kempten
Ein Punkt der Ruhe

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An Weihnachten sind die Gotteshäuser voll. Für viele gehören die Christmette oder der Festgottesdienst an den Feiertagen zum Fest der Liebe. Gespannt hören die Gläubigen dann auf die Weihnachtsbotschaften ihrer Kirchenvertreter. Was ist Ihre Weihnachtsbotschaft 2009? Das fragten wir den Dekan der katholischen Kirche, Dr.Michael Lechner, Stadtpfarrer von St. Lorenz, und den evangelischen Dekan Jörg Dittmar.

l Dekan Dr. Michael Lechner: «Als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel für Weihnachten schreiben könnte, war mein erster Gedanke: Nein, nicht schon wieder! Was habe ich in den letzten Wochen nicht alles dazu geschrieben, gesagt, vorbereitet. Irgendwann ereilt einen das Gefühl, alles gesagt zu haben. Mit gerade diesem missmutigen Gedanken habe ich von meinem Arbeitszimmer aus zufällig einen jungen Mann am Kirchplatz gesehen, wie er an den Glascontainern mit einem Holzhaken dabei war, leere Flaschen aus dem Container zu ziehen. Er sammelte sie, um offensichtlich dafür Flaschenpfand zu erwerben. Ich weiß nicht, wer der junge Mann war. Vielleicht hat er sich einen Spaß gemacht; vielleicht war es die pure Not, die ihn trieb.

Es ist etwas seltsam Unmittelbares, wenn ein Mensch im Abfall öffentlich nach Brauchbarem, vielleicht sogar nach Essbarem sucht. Wenn ich darüber nachdenke, tut sich mir eine eigenartige Gegensätzlichkeit auf. Vor unserem inneren Auge steht auf der einen Seite die Situation am Glascontainer und gleichzeitig erschreckt uns in diesen Tagen die Nachricht, dass eine bayerische Bank in zwei Jahren eine Kapitalvernichtung in Milliardenhöhe erzielt hat.

Ich sehe da eine Gemeinsamkeit: Unsere Gesellschaft droht nach allen Richtungen das Maß zu verlieren. Wohin führt das? Es gibt nur noch wenige kulturelle Ruhepunkte: Weihnachten gehört dazu. Hier gibt es einen Zusammenhang von Familie und Glaube, von Innerlichkeit und Zugehörigkeit. Das sind die Maßbegriffe einer Gesellschaft. Gott gebe, dass sie erhalten bleiben.»

l Dekan Jörg Dittmar: «Wo kann man das Kind hinlegen? Die Krippe war laut Bibel eine Notlösung. Es war sonst kein Platz in der Herberge. Das Wesentliche und Kostbare wird in einer Notlösung aufbewahrt.

Vielleicht ist das aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der erste Blick, mit dem wir einen Menschen beurteilen, einschätzen oder abschätzen - er fällt vielleicht nur auf eine Notlösung, die behelfsmäßige Unterbringung des Wesentlichen und Unschätzbaren. Ich kenne von Krankheit gezeichnete Menschen, deren Seele aber ganz gesund ist und leuchtender als sie es in unbeschwerten Tagen jemals war. Aber es kann auch umgekehrt sein: Es wird so viel zur Schau gestellt an Stärke, Selbstsicherheit und cleverer Lebenstauglichkeit. Das alles kann auch eine Notlösung sein - Blendwerk vor einer schutzbedürftigen Menschenseele.

Und ist «mein Leben» nicht auch nur ein Kompromiss - aus dem, was mir geschenkt war und verwehrt blieb?

Die sich in der Heiligen Nacht am göttlichen Kind freuen, stören sich nicht an der unschicklichen Krippe. Sie halten sich nicht auf bei Äußerlichkeiten. Sie sehen die Freundlichkeit, Zutraulichkeit und Schutzlosigkeit eines neugeborenen Menschenkinds. Und darin erkennen sie den Not-Löser: Den, der Menschen aus ihren Ängsten und Eitelkeiten herauslösen kann. Ich bin froh, dass Gott sich nicht in eine güldene Wiege legen wollte. Ein Glück, dass er lieber Notlösungen mag. Notlösungen kann ich ihm anbieten - gerne.»

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