Buchloe / Ostallgäu
«Ein Opfer kann nicht vergessen»

«Es gibt schon sehr gewalttätige Männer», sagt Eva Burkhart und betont das «sehr». Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt, mit denen sie zu tun hat, ist heuer deutlich gestiegen. Burkhart ist Ansprechpartnerin des Weißen Rings für das Ostallgäu und Kaufbeuren. Die Hilfsorganisation unterstützt die Opfer von Verbrechen.

Wie die Unterstützung konkret aussieht, hängt vom jeweiligen Fall ab. Mal reicht ein Telefonat samt der Empfehlung, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, mal gibt es einen Gutschein für eine kostenlose Beratung beim Anwalt. Eines ist aber stets gleich: «Das Opfer muss sich zuerst an uns wenden.» Der Weiße Ring schaltet sich nicht selbst in irgendwelche Verbrechen ein. Burkhart war vor ihrem Ruhestand Kriminalbeamtin bei der Kriminalpolizei in München, daher ist ihr die Materie nicht fremd.

Nur die Perspektive ist nun eine andere. Die Kripo «kümmerte» sich um die Täter, der Weiße Ring um die Opfer. Im vergangenen Jahr hatte Burkhart nur mit einem einzigen Fall von häuslicher Gewalt zu tun, heuer sind es bereits fünf. Das mag auch damit zu tun haben, dass die Betroffenen inzwischen eher den Mut haben, sich zur Wehr zu setzen.

Es gebe aber auch Frauen, die trotz schwerer körperlicher und seelischer Verletzungen weder Anzeige erstatten, noch ihren Mann verlassen wollen. Hier ist auch Burkhart machtlos: Das Opfer müsse bereit sein, etwas zu verändern. Diese Veränderungen können durchaus einschneidend sein: Anzeige und Gerichtsverfahren gegen den Partner, eine Trennung mit womöglich harten finanziellen Konsequenzen, die neugierigen Blicke von Bekannten und Kollegen.

Vertrauen ist besonders wichtig

Sind auch noch Kinder in Mitleidenschaft gezogen, schalten sich Jugendamt und Erziehungsberatungsstelle ein. Das Opfer muss also nicht nur mit dem eigenen Leid versuchen klarzukommen, sondern auch jede Menge Organisatorisches bewältigen. Auch dabei hilft der Weiße Ring. Neben häuslicher Gewalt geht es vor allem um Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch.

Im Jahr sind es etwa 20 Fälle, in denen Burkhart aktiv wird. Dadurch, dass sie die Opfer in ihrer Wohnung aufsucht, entstehe eher ein Vertrauensverhältnis als zum Polizisten auf der Wache. Das Opfer von Verbrechen finde heutzutage vor Gericht mehr Rücksicht als früher, sagt Burkhart. Heute gibt es die Möglichkeit, dass der Angeklagte bei der Aussage des Opfers den Gerichtssaal verlassen muss oder die Vernehmung gleich per Video erfolgt, um dem Opfer den quälenden Kontakt zu seinem Peiniger zu ersparen. Gesteht der Täter, muss das Opfer gar nicht aussagen. «Das ist sehr viel wert.»

Nur selten wird ein Opfer aber ganz los, was es erlitten hat. Dessen ist sich auch Eva Burkhart bewusst: «Ein Opfer kann nicht vergessen.»

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