Ein Koffer voll Skigeschichte

VON INGO BUCHELT | Nesselwang Einen ganz besonderen Lederkoffer hat Regina Egger der neuen Bürgerwerkstatt 'Skigeschichte Nesselwang' überlassen. Ihr Vater Hans Ott (Jahrgang 1897), einer der erfolgreichsten Skisportler Nesselwangs in den Anfangsjahren, hatte ihn vor fast 80 Jahren seinem Skikameraden Ludwig Böck geliehen. Der besaß nur einen Rucksack, als er Ende 1930 eine zweimonatige Reise nach Übersee antrat. 'Du kannst doch nicht mit einem Rucksack und einem Pappkarton nach Amerika fahren', habe ihr Vater Böck gesagt, erinnert sich Regina Egger an dessen Erzählungen.

Elf Tage auf See unterwegs

Von Amerika hatte Ludwig Böck (Jahrgang 1902) schon als kleiner Junge geträumt. Der mehrmalige Allgäuer Meister in der Nordischen Kombination nahm als erster Nesselwanger an Olympischen Winterspielen teil, 1928 in St. Moritz. Als bester Mitteleuropäer unter 35 Teilnehmern erzielte er den siebten Platz hinter den damals unschlagbaren Skandinaviern. Als er über den Deutschen Skiverband eine Einladung des Amerikanischen Skiverbandes erhielt, überlegte er nicht lange, lernte ein paar Brocken Englisch und schiffte sich am 31. Dezember 1930 in Bremerhaven ein. Elf Tage dauerte damals die stürmische Seereise in die neue Welt, wo Böck an nationalen und internationalen Skiwettbewerben teilnahm. Was er auf dieser denkwürdigen Reise erlebte, hielt er in einem elfseitigen, maschinenschriftlichen Bericht fest. Sein Titel: 'Mit Skiläufer Ludwig Böck in Amerika'.

Bei den Skifreunden in den USA fand Böck herzliche Aufnahme, wie er berichtete. Er kam mit ausgewanderten Deutschen und Norwegern, sogar Olympiasiegern, zusammen, die ein Ziel hatten: den noch jungen Skilauf in den USA zu fördern. In den Sprunglaufwettkämpfen und seiner Paradedisziplin, der nordischen Kombination, trat er gegen starke Norweger an, die sich schon am Holmenkollen einen Namen gemacht hatten. Er schlug sich achtbar, belegte vordere Plätze und gewann sogar einen Slalom.

Nur mit dem Englisch haperte es anfangs und Böck bedauerte, 'dass es die Amerikaner selbst nicht konnten, da sie mich nicht verstanden haben'. Mit der Zeit verbesserten sich seine Sprachkenntnisse und er kannte sich vor allem in der Speisekarte gut aus, denn 'letztes Endes ist dies doch das wichtigste', so Böck. 'Es ist mir nie passiert, dass ich dreimal Gemüse bestellte und kein Fleisch, lieber bestellte ich des Öfteren zweimal Fleisch und kein Gemüse', berichtete er. Nur einmal habe er nicht das Gewünschte erhalten, sondern einen Krebs, mit dem er nicht viel anzufangen wusste. 'Was ist auch ein Krebs in einem Skiläufermagen, wenn er doch nur rückwärts geht', befand Böck.

Nesselwangs Höhen leuchten

Das skigeschichtliche Dokument schließt mit einem Gruß an die Kameraden in Amerika und einer Liebeserklärung an seine Nesselwanger Heimat: 'Es bleiben die schönen Erlebnisse meiner Amerika-Skireise wie ein herrlicher Traum in der Erinnerung. Nun scheint die liebe Sonne wieder über meiner tief verschneiten Allgäuer Bergheimat, ein Leuchten liegt über den Höhen von Nesselwang und wieder ziehen die Skier ihre Doppelspur durch unser herrliches Skigelände, nachdem ich mich so gesehnt.'

Zu fünft in der Staffel

Hans Ott, in dessen Koffer sich der Bericht fand, war selbst viermal Allgäuer Meister im nordischen Skisport, dazu Meister von Tirol (1923) und Vorarlberg (1924, 1925). Zusammen mit seinem älteren Bruder Adalbert (Jahrgang 1892), Ludwig Böck, Josef Satzger und dem Skiklubgründer Hans Riefler (Jahrgang 1884) gewann er am 4. März 1923 in Oberstaufen die erste Skistaffelmeisterschaft der Sportgeschichte, einen Wettkampf für damals noch fünf Läufer. Die kraftraubende Strecke führte hoch auf die Berge und steil wieder abwärts. Auch 1926 und 1931 siegte die Staffel des SK Nesselwang. 1924 und 1930 wurde sie jeweils Zweite.

Ludwig Böck baute 1933 das nach ihm benannte Sportheim an der Alpspitze, legte die Berufsskilehrerprüfung ab und eröffnete 1935 mit behördlicher Genehmigung die erste Skischule in Nesselwang, die bis heute unter der Leitung von Hans-Georg Allgaier fortbesteht.

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