Sonthofen
Ein Julfest mit der Hymne an die Sonne

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Für Hitler gab es keinen Zweifel: Erst mit der Überwindung des christlichen Glaubens und der Etablierung des Nationalsozialismus als Ersatzreligion wäre der Sieg seiner Ideologie vollständig gewesen. Den offenen Kampf gegen die Kirchen scheute er jedoch, und in diesem Zusammenhang spielte auch das Weihnachtsfest eine nicht unbedeutende Rolle.

Dass man den Deutschen ihr Lieblingsfest nicht einfach verbieten konnte, war auch den NS-Machthabern klar. Daher wählte man eine andere, raffinierte Taktik: Geschickt wurde das Christfest, das anfänglich noch in gewohnter Form begangen wurde, in die Propaganda einbezogen, indem man Schritt für Schritt sakrale Elemente zu beseitigen und stattdessen eine Rückführung der kirchlichen Traditionen auf angeblich uraltes Brauchtum zu konstruieren versuchte. Insbesondere wurde behauptet, Weihnachten gehe zurück auf die germanische Feier der Wintersonnenwende. In diesem Sinne interpretierte man vertraute Advents- und Weihnachtsbräuche um und rückte vor allem eine entchristlichte Licht-, Feuer- und Lebenssymbolik in den Mittelpunkt.

«Der heilige Baum der Ahnen»

Am Beispiel der NS-Ordensburg Sonthofen lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. So wurde 1935 die Weihnachtsfeier für die am Bau der Anlage eingesetzten Arbeiter noch mit dem Lied «Stille Nacht, heilige Nacht» eingeleitet. Ein Jahr später konnte man in den Reden von Burgkommandant Robert Bauer und Architekt Hermann Giesler bereits die eingeleitete Umfunktionierung zu einem «deutschen» Fest erkennen: Weihnachten sei - so Bauer - nicht mehr wie in früheren Zeiten ein Fest der Familie, sondern «Fest der Volksgemeinschaft». Und Giesler ergänzte: «Das Licht, das uns neues Leben bedeutet, und der Tannenbaum, der heilige Baum unserer Ahnen, künde[n] uns die Gesetze völkischen Lebens.»

Die komplette Umgestaltung des Weihnachtsfestes zu einer kultischen Lichtfeier war dann im Jahre 1937 zu beobachten. Die Sonthofener NS-Größen hielten sich am 21. Dezember exakt an die Vorschriften, wie sie die NSDAP in parteiinternem Schulungsmaterial veröffentlichte, und brachten ein beachtliches Repertoire nationalsozialistischer Weihnachtsriten zum Einsatz.

An diesem Abend zogen die Mädchen und Jungen des HJ-Standortes Sonthofen zunächst in einem langen Fackelzug zur Ordensburg, wo beim Lied «Flamme empor» ein Holzstoß entzündet wurde. Wieder war es Bauer, der die Aufgabe übernahm, die Zeremonie zu deuten: Es sei eine Jahrtausende alte Tradition der Germanen, das Julfest, «den Tag der Wintersonnenwende, des kürzesten Tageslichtes und der längsten Nacht, voll Sehnsucht nach dem Licht der lebenspendenden Sonne zu begehen.»

Pervertierte Rassenideologie

Selbst die pervertierte Rassenideologie der Nationalsozialisten konnte man in der Rede Bauers erkennen: Die lodernde Flamme stelle «ein Symbol der Reinigung und Läuterung des Volkes» dar, sie solle «alles Unreine verzehren». Dann wurden Kränze mit Widmungen, zum Beispiel für die «Soldaten des Führers» oder die «gläubigen Mütter», dem Feuer übergeben.

Bei der anschließenden Feier im Speisesaal der Burg suchte man christliche Werte ebenfalls vergebens: Man sang Hans Baumanns «Hohe Nacht der klaren Sterne», mit dem die Nationalsozialisten meinten, «Stille Nacht» als beliebtestes Weihnachtslied verdrängen zu können.

Es wurden Kriegsbriefe verlesen, eine «Hymne an die Lebensspenderin Sonne» vorgetragen und der HJ-Unterbannführer faselte von «heiligen Weihenächte[n]» aus «grauer Vorzeit» sowie davon, dass der Tannenbaum ein Einheitssymbol der Deutschen sei wie die Hakenkreuzfahne, die «Fahne mit dem Sonnenrad».

Als die Sonthofer «Pimpfe und Mädel» dann drei Tage später in ihren Familien den Heiligen Abend feierten, war mit ziemlicher Sicherheit keine Rede mehr vom germanischen Julfest, denn ihr gewohntes Weihnachtsfest ließen sich die Deutschen trotz massiver Propaganda selbst von den Nationalsozialisten nicht nehmen.

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