Oberallgäu
Ein halbes Jahr Zivildienst macht «kaum noch Sinn»

Wenn der 19-jährige Michael Dapp in der Früh zu Jakob Varady kommt, hilft er ihm beim Aufstehen und macht erst einmal Morgengymnastik mit dem 91-Jährigen. «Michael ist ein sehr lieber Kerl, er macht das hervorragend», lobt Varady den Zivildienstleistenden. Der erledigt seine Aufgaben gerne, plaudert mit dem alten Mann über Fußball und bezeichnet seine Arbeit beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Immenstadt als «sinnvolle Tätigkeit». Die Zivis, sagt die dortige Pflegedienstleiterin Lucie Seeger, seien eine große Hilfe, ja sogar «die guten Geister einer Sozialstation.» Umso mehr bedauert sie die Pläne der Bundesregierung, den Zivildienst auf sechs Monate zu verkürzen. Auch Michael Dapp sieht das kritisch: «Gerade für ältere Leute ist es problematisch - kaum haben sie sich an jemanden gewöhnt, ist er schon wieder weg.» Der 19-Jährige geht mit den Leuten einkaufen, macht für sie Botengänge, bringt ihnen Essen. «Das ist eine große Vertrauenssache - schließlich sind die Zivis im häuslichen Umfeld der Menschen», erklärt Seeger. Ein zu häufiger Wechsel sei da nicht förderlich. Und auch für die Zivis selbst bedarf es einer Eingewöhnungszeit: Am Anfang sei es nicht so leicht, sich um fremde Leute zu kümmern, erzählt Michael Dapp.

Auch in anderen sozialen Einrichtungen im Oberallgäu ist man alles andere als begeistert von der Idee, den Zivildienst zu verkürzen. «Wenn die bisherige Ausbildungsstruktur beibehalten wird, macht das kaum noch Sinn», sagt etwa Alexander Schwägerl, Geschäftsführer des Roten Kreuzes im Oberallgäu. Beim Roten Kreuz werden derzeit 22 Zivis eingesetzt, aber: «Für nur sechs Monate werden wir keinen Zivildienstleistenden mehr nehmen», betont Schwägerl. Es würde sich einfach nicht lohnen, weil es seine Zeit brauche, bis man die jungen Männer eingearbeitet hat. Die Stellen, die bisher mit Zivis besetzt wurden, sollen dann mit Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahres besetzt werden, sagt Schwägerl.

Beim Caritas-Verband Oberallgäu sind zurzeit rund ein Dutzend Zivis beschäftigt. Doch wie sieht es aus, wenn der Dienst gekürzt wird? «Bei der Caritas würden keine Leistungen wegfallen, weil die Zivis nicht als festes Personal eingerechnet sind», erklärt Geschäftsführer Uwe Hardt. Allerdings müsste man dann anders organisieren. Für nur sechs Monate wäre der Zivildienst mit einem viel höheren Verwaltungs- und Organisationsaufwand verbunden. «Es dauert bis zu einem Monat, bis sich der Zivi eingearbeitet hat», so Hardt. Doch auch wenn der Dienst nicht mehr so effektiv wäre, wenn er nur noch ein halbes Jahr dauert - «es ist wichtig, dass es ihn überhaupt gibt.

» Simon Naderer und Raphael Bensmann absolvieren zurzeit ihren Zivildienst bei der Caritas in Sonthofen und sehen eine eventuelle Verkürzung eher locker: «Die Einarbeitung geht schnell, denn ein Zivi sollte schließlich einfache Aufgaben übernehmen, die sonst zu kurz kommen - zum Beispiel Spazierengehen», findet Raphael. Oft, berichten er und Simon aus ihrem Arbeitsalltag, seien die betreuten Menschen dement und könnten sich ohnehin nicht merken, wer sich um sie kümmert - ein häufigerer Wechsel des Ansprechpartners wäre ihrer Meinung nach also kein Problem. Für die sozialen Einrichtungen seien die Zivis natürlich gern gesehene und günstige Helfer: «Ein Zivi macht alles - vom Putzen bis zum Essen ausfahren», sagt Simon Naderer.

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