Ein großartiger Xerxes

Von Peter Steinbach, Marktoberdorf - Fällt der Name 'Xerxes', so erinnert man sich vage an längst entfallenen Geschichtsunterricht und dass es ein alter Perserkönig war, den die ebenfalls alten Griechen in der Schlacht bei Salamis entscheidend geschlagen haben. Das ist zwar historisch, nicht aber der Inhalt der gleichnamigen Oper von Georg Friedrich Händel, den die Kammeroper Prag in einer exemplarischen Aufführung im Modeon bot. Händel entführt das Publikum mit ihr abseits der Kriege in das Leben und Lieben des großen Feldherrn und sie gilt als eine der ganz wenig Heiteren des deutsch-englischen Barockkomponisten. Als Händel im Jahre 1710 nach London kam, um dort mit geringen Unterbrechungen bis zu seinem Tod 1759 zu bleiben, war das Bestreben um eine englische Nationaloper, ein zart gewachsenes Pflänzchen unter Henry Purcell, schon fast wieder am Verblühen. Die italienische, speziell neapolitanische Form barocken Kompositionsstil hatte sich eingebürgert. Aufgewertet wurde ihre etwas statische Form aber erst durch Händel, der der Monotonie das Festlich-Prunkvolle seiner Persönlichkeit entgegensetzte. Gut 40 Opern sind in seinem reichen Schaffen entstanden. Typisch dafür sind seine kraftvollen Ouvertüren, die bravourösen Da-capo-Arien, aber auch seine leidenschaftlichen Secco- und Accompagnato-Rezitative anstelle des gesprochenen Wortes. Zumindest im 'Xerxes' ist der Chor-Anteil klein gehalten, bedenkt man, was Händel für ein großartiger Beherrscher der Chorstimmen in seinen Oratorien war. Dafür gibt es das 'Largo', das so berühmt ist, dass es meist ohne Operntitel benutzt wird. 'Ombra mai fu', wie Xerxes im ersten Akt gleich singt, ist immer nur 'das Largo von Händel' geblieben und es gibt kaum ein Instrument, für das es nicht bearbeitet wurde. Die Opern der Barockzeit waren ausschließlich auf die menschliche Stimme, den Schöngesang fixiert. Es gab kaum Personenregie, die das Schicksal zwischenmenschlicher Beziehungen ins rechte Licht rückte, das kam viel später. Grob vereinfacht gesagt: Der Sänger betrat die Bühne, sang seine Arie, meist an der Orchesterrampe stehend und machte nach reichlichem Szenenbeifall Platz für den nächsten.

Vorzüglicher Gesamtklang Das war auch im Modeon schön zu beobachten, vor allem im ersten Akt, der überwiegend aus Soloauftritten bestand. Somit war beim Gastspiel der Kammeroper Prag auch das Bühnenbild nur sehr dezent, benötigte keinen Bezug zur Handlung und war doch in Verbindung mit den reichlich wechselnden Lichteffekten und den sehr gelungenen Kostümen der festlich-harmonische Rahmen, der dem Szenenablauf gebührte. Festlich gestimmt auch das kleine Barockorchester mit viel Cembalo-Arpeggien und einem vorzüglichen Gesamtklang. Zu bewundern, das soll auch wieder einmal erwähnt werden, die ausgezeichnete Modeon-Akustik, die selbst feinste Streicher-Pianos zum Erlebnis werden ließ. Es gab im Modeon immer wieder große Sänger zu hören, aber ein Solistenensemble ähnlich geschlossener Qualität von der Titelfigur bis zum Diener, in dieser künstlerischen Opulenz hat man da wohl sehr selten erlebt. Man geriet schon fast ins Schwärmen ob dieses Stimmpotenziales, das jedem großen 0pernhaus zur Ehre gereicht hätte. Beginnt man mit den Gästen innerhalb des Ensembles, so wäre Melanie Krueger (Atlanta) von der Melbourne-Opera in Australien zu nennen, ein kapriziöses Persönchen mit glockenhellem Sopran und unbändiger Spielfreude. Von der 'Met' in New York kam der Countertenor Johnny Maltonade, stimmtechnisch ein Bariton im Altfach. Eine großartige Leistung diese 'Stimmverwandlung'. Wunderschön der lyrische Sopran von Ludmilla Vernerov&po_135; (Romilda) und der tragfähige dunkel timbrierte Mezzo von Andrea Kalivodov&po_135; (Amastris). Weich und füllig der Bass von Alexander Proklov (Ariodates) und das komödiantische Talent Pavel Kleckas als Diener. Im Reigen dieser Stimmen überstrahlte, und das kann man wörtlich nehmen, eine Sängerin alle anderen: Denisa Hamarov&po_135; in der Hosenrolle des Königs Xerxes. Eine dramatische Sopranistin, deren Register weit ins Mezzo reichte mit einer Fülle und Glanz, mit sagenhafter Technik in ihren schwierigen koloraturgespickten Arien, dass es manchmal den Atem verschlug. Somit ein großer Opernabend, dem man nur eine Wiederholung wünschen kann.

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