Oberstdorf / Kitzbühel
Ein besonderer Mythos: Gigantisch und einmalig

Die Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel ist im alpinen Ski-Zirkus das geworden, was für die Tennis-Spieler Wimbledon und für die Formel-1-Fahrer Monte Carlo ist. Über 100000 Zuschauer werden bei den Rennen am Wochenende erwartet. Letzter deutscher Sieger der Abfahrt auf der legendären Streif war Sepp Ferstl, der 1979 seinen Erfolg von 1978 wiederholte. Besonders spektakulär ist zum Beispiel die Mausefalle. Hier weist die steilste Stelle ein Gefälle von 85 Prozent auf, der weiteste Sprung geht rund 80 Meter. Am schnellsten werden die Fahrer im Zielschuss mit bis zu 140 Stundenkilometern. Der Sprung am Rennende wurde nach dem schweren Sturz des Schweizers Daniel Albrecht entschärft. Wir sprachen mit dem Abfahrts-Weltmeister von 1989, Hansjörg Tauscher aus Oberstdorf, über den Mythos Kitzbühel, die Gefahren im Skirennsport und mögliche Änderungen.

Wie oft fuhren Sie auf der Streif und was war Ihre beste Platzierung?

Tauscher: Ich war fünfmal dabei. Einmal wurde ich 16., lag oben bei der berühmten Mausefalle auf Rang sechs und unten beim Hausberg im Zielbereich auf Platz vier. Im Gleitstück war ich nur 42., weil der Ski nicht gelaufen ist. Die Streif war nicht meine Lieblingsstrecke, sondern die Abfahrten in Gröden, Wengen, Bormio und Val DIsère.

Welchen Stellenwert besaß die Streif während Ihrer aktiven Zeit?

Tauscher: Der Stellenwert hat sich nicht geändert. Die Streif war und bleibt ein Mythos. Für mich war diese Abfahrt immer etwas Besonderes. Nirgendwo fliegt man so steil und zugleich weit wie in der Mausefalle und nirgends scheppert es so wie im hängenden Zielhang vom Oberhausberg.

Die Beschleunigung von ca. 0 bis 145 bzw. 90 bis 145 Stundenkilometern in nur wenigen Sekunden ist gigantisch und wohl einmalig.

Ist die Strecke schwieriger als die anderen Klassiker am Lauberhorn in Wengen, in Bormio oder in Garmisch?

Tauscher: Sie ist anders, verlangt vielleicht noch etwas mehr Mut und Überwindung. In Wengen oder Garmisch sind die Kurven technisch schwieriger.

Was halten Sie von der Idee einiger Athleten und Funktionäre, die Tore nur noch per Klettverschluss an den Stangen zu befestigen, um Stürze zu vermeiden?

Tauscher: Dieser Vorschlag ist nur in der Abfahrt einleuchtend und nachvollziehbar. Die Streckenposten hätten mit der Wiederherstellung der angefahren Tore im Slalom und Riesenslalom ihre Probleme.

Der Liechtensteiner Marco Büchel schlägt vor, Carving-Ski zu verbieten. Er würde lieber auf Skiern aus den 80er- und 90er Jahren fahren. Eine gute Idee?

Tauscher: Ich würde nicht so weit gehen. Ich habe meinen WM-Titel auf Carving-Skiern gewonnen. Aber die waren wesentlich schwieriger zu fahren, zu dirigieren und zu lenken als die aktuellen Modelle. Man musste technisch mehr drauf haben. Ein Verbot der Carving-Ski wäre kontraproduktiv zur Ski-Entwicklung.

Ist die Aggressivität des Carving-Skis, der immer auf der Kante bleibt und bei zu viel Druck oder zu viel Eis nicht driftet, das Hauptproblem?

Tauscher: Irgendwo schon. Aber vor allem Schneebedingungen, Untergrund, Vorbildung des Athleten und nicht zuletzt der Konstitution und Physis spielen eine große Rolle. Gefährlich wird es, wenn die Körperposition eines Rennläufers nicht mehr passt. Dann gibt der Ski nicht mehr nach und zieht bzw. carvt weiter. Das kann dann richtig ins Auge gehen und ist das Fatale momentan in der Abfahrt. Das zu reglementieren und zu korrigieren wird schwer bzw. nicht nachhaltig machbar sein. Außer der Weltskiverband Fis gibt ein Breitenmaß zwischen Vorder- und Hinterskilängen im Verhältnis zur Skimitte vor.

Sind nicht auch die Schuhe zu steif, um dem Sprunggelenk Spielraum zu geben bei einem Fahrfehler reagieren zu können?

Tauscher: Ja, teilweise schon. Der Schuh bzw. die Schuhabstimmung nimmt relativ starken Einfluss auf das Kant- und Schneideverhalten der Ski. Wir können da aber das Rad auf keinen Fall zurückdrehen. Es will doch niemand mit den alten Lederschuhen fahren. Zudem haben die neuen Schuhe auch einen gewissen Komfort.

Wer ist Ihr Favorit am Samstag in Kitzbühel?

Tauscher: Ich drücke Bode Miller die Daumen. Dann gewinnt schon kein Österreicher. Die überschätzen sich momentan und wollen nicht einsehen, dass sie derzeit keine große Abfahrts-Nation mehr sind. Bis auf Walchhofer und Scheiber haben sie wohl ohnehin keine Siegchancen. Wenn nicht Miller, sollten dann doch lieber die Schweizer um Cuche vorne landen.

Fragen: Werner Kempf

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