Irsee
Die wundersame Welt des Karl Kraft

20 Jahren waren vergangen seit dem Tod des früheren Irseer Pfarrers Richard Wiebel und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da brachte Karl Kraft 1965 in der Marktgemeinde ein Büchlein heraus, das an Kauzigkeit kaum zu überbieten war. Denn der Irseer Schreiner beschäftigte sich auf absurde Weise mit Religion, definierte die Kriegsschuld an den Weltkriegen neu und sagte die Landung der Menschen auf dem Mars voraus - was ihm angeblich Wiebel aus dem Jenseits souffliert habe.

Lange Zeit galt das verschrobene Werk als verschollen. Zwar kennen viele Altirseer die Schrift «Richard Wiebel gibt Antwort auf 103 Fragen», aber sie war nicht aufzutreiben. Für diejenigen, die das Werk kannten, war es ein «Schmarrn». Nun konnte die AZ ein Exemplar sichten.

Kraft galt als sonderlich. Er brachte das Buch in kleiner Auflage im Eigenverlag heraus und verschenkte es in Irsee. 1890 in Freising geboren, wuchs er in der Schweiz und später als Waise in Oberschwaben auf. Er wurde Schreiner, legte 1928 die Meisterprüfung ab und war Sanitäter im Ersten Weltkrieg. 1937 kam er nach Irsee, heiratete und übernahm dadurch eine Schreinerei in der Frühlingsstraße. Älteren Irseern ist er aber auch als Funktionär der NSDAP bekannt. Und später soll er sich auf dem Friedhof mit seiner verstorbenen Frau unterhalten und spiritistische Sitzungen abgehalten haben.

Ohnehin beschäftigte sich Kraft häufig mit dem Tod: «Jahrzehntelange Studien über das Seelenleben» hätten ihn zu einem profunden Kenner der Materie werden lassen. «Nach unendlich vielen Testungen von Seelen hat sich die Seele des früheren verstorbenen katholischen Pfarrherrn Richard Wiebel in Irsee freiwillig zur Verfügung gestellt», so Kraft - nämlich ihm 103 Fragen aus dem Jenseits zu beantworten. Zunächst geht es um Religion. Demnach lebten Adam und Eva vor 8000 Jahren in Mesopotamien, hatten drei Töchter und ebenso viele Söhne, die untereinander heirateten, wobei Kain den Abel aus Eifersucht erschlug. Danach ordnet Kraft die Rolle von Jesus und des katholischen Dogmatismus neu. Dazu schreibt er: «Das Zölibat für die Priester fällt infolge Mangel an Priesternachwuchs.

Der Nachwuchs wünscht eine Verehelichung.» Heilige soll es neben Gott ohnehin nicht mehr geben. Und wie in der «Göttlichen Komödie» von Dante teilt auch Kraft die Verstorbenen ein - bei ihm sind es sieben Grade: «Die Seelen kommen jeweils in den Grad, den sie verdienen.» Der Himmel ist selbstverständlich nur den frommen Christen vorbehalten. Andersgläubige - egal ob Moslem, Buddhist oder Jude - können aber dereinst zum wahren Glauben finden.

Eine äußerst verquere Sichtweise hat Kraft über den Nationalsozialismus: Adolf Eichmann, einer der Hauptprotagonisten des Holocaust, kommt nämlich in den neunten Grad - also fast in den Himmel.

Denn der später als Kriegsverbrecher hingerichtete SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt habe nur «die traurigste und grausamste Pflicht seines Lebens erfüllt». Doch auch die Zukunft ließ sich Kraft über sein Medium Wiebel deuten: 2010 landen die Menschen nämlich nach acht Stunden Flug auf der Venus und dem Mars - und treffen auf Menschen. «Denn Gott Vater hat die Menschen alle gleich geschaffen.» In seinem Schlusswort appelliert der kurz darauf gestorbene Kraft an seine irdischen Mitbewohner, für andere Seelen zu opfern.

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