Oberallgäu
«Die Sklavin ist der Herrin gleich»

Mit dem gestrigen Gumpigen Donnerstag und den Rathausstürmen ging der Fasching in seine heiße Phase. Doch warum eigentlich werden die Bürgermeister entmachtet? Dieses Brauchtum passt zur den «anarchischen» Wurzeln der Fasnacht. Ihr Sinn war nicht nur, in vorchristlicher Zeit die Sturmgeister des Winters auszutreiben. Auch die Mächtigen und Klerikalen durften ungestraft verspottet werden - weswegen am Weiberfasching bis heute noch den Männern die Krawatten abgeschnitten werden.

5000 Jahre ist es her, dass im alten Babylon ein siebentägiges Fest gefeiert wurde, bei dem die Rangordnung außer Kraft gesetzt wurde - noch heute ein Merkmal der Fasnacht. Eine erhaltene Inschrift, so die Völkerkundler, hat folgenden Inhalt:

«Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.».

In vor- und nachchristlicher Zeit sollten «Narreteien» und «Mummenschänze» symbolisch den Winter vertreiben. Der fröhliche Übermut der Menschen ließ sich von der Hoffnung auf die jahreszeitliche Wende inspirieren und kanalisierte gleichzeitig soziale Missstände. Schon vor dem 12. Jahrhundert versuchte die Katholische Kirche zwar, die heidnischen Bräuche zu unterbinden. Sie scheiterte aber am Jahrtausende alten Brauchtum.

Die Umkehr aller Werte wurde weiter zelebriert. Dem chaotischen Kosmos der närrischen Welt aber setzt dann der Aschermittwoch ein Ende und die göttlich-mittelalterliche Ordnung und Hierarchie kamen wieder zu ihrem Recht.

Der Begriff Fastnacht deutet auch einen christlichen Aspekt an. Im Kirchenjahr ist die Zeit vor Ostern die 40-tägige Zeit des Fastens, in welcher die Wiederauferstehung des Herrn in Jesu Christi als Zeit der demütigen Enthaltsamkeit und eines entsprechend besonders gottgefälligen Lebens gefeiert wird. Die Faschings- bzw. Fastnachtszeit erlaubt hier noch einmal vor Aschermittwoch das Ausleben menschlichster Triebe, die sich unter anderem im ausgiebigen Schmausen, Trinken, Unfug treiben oder in sonstigen fragwürdigen Vergnügungen Ausdruck verleihen. Soziale Spannungen werden in dieser Zeit durch die Umkehrung der Gebräuche und Sitten abgebaut und kanalisiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2019